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Online auf Kuba : Jeden Sonntag neues Internet

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Mühsam und langsam ist der Weg ins Netz – eine Kubanerin versucht an einem Hotspot in Havanna, mit ihrem Smartphone ins Internet zu gelangen. Bild: Reuters

Auf Kuba besitzen nur Privilegierte einen Netzanschluss. Die meisten Menschen sind offline. Sie haben trotzdem Zugang zu Filmen, Musik und Nachrichten – auf USB-Sticks, die so heimlich gehandelt werden wie Drogen.

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          Das Paket, sagen manche, werde über Miami ins Land geschmuggelt. Von dort verschiebt ein Hintermann namens „El Transportador“ die heiße Ware an eine Handvoll Zwischenhändler. Ein Untergrundnetzwerk trägt es auf verschlungenen Wegen in die Hinterzimmer schummriger Läden, wo es für ein paar Dollar unter der Hand verhökert wird. Rund eine Million Inselbewohner wartet jede Woche auf die nächste Dosis des obskuren Produkts.

          Bei der begehrten Ware handelt es sich nicht um Drogen, sondern um einen Stoff, der auf der Karibikinsel ähnlich schwer zu besorgen ist: Daten. „El Paquete Semanal“ („Das wöchentliche Paket“) versorgt die Kubaner mit allem, was ihnen aufgrund der desolaten Verbindungssituation ihres Landes vorenthalten bleibt: ein Terabyte voller Serien, Apps und Webseiten, die neuesten amerikanischen Filme, die heißesten afrokubanischen Hip-Hop-Tracks, massenweise Piraterie. „El Paquete“ ist Youtube, Spotify, Wikipedia und Netflix in einem, eine Offlineversion des Internets.

          Das bemerkenswerte Improvisationstalent der Kubaner

          Denn Kuba, einst Vorzeigeexemplar der sozialistischen Weltrevolution, hat die digitale Wende verschlafen. Internetanschluss haben nur Ausländer, privilegierte Berufsgruppen und teure Hotels; für den überwiegenden Teil der Inselbewohner ist Surfen immer noch ein Luxus. Laut der staatlichen Telekommunikationsagentur Etesca loggen sich 150 000 der elf Millionen Kubaner täglich ins Netz ein, kaum mehr als ein Prozent. Und wer dann endlich an der quälend langsamen Leitung hängt, bekommt nur das zu sehen, was das Castro-Regime für sehenswert erachtet – die Verbindung wird streng zensiert.

          Damit ist Kuba eines der am schlechtesten vernetzten Länder der Welt. Die Nichtregierungsorganisation Freedom House bringt die Situation in ihrem Länderreport 2016 auf den Punkt: „Zugang zum Internet: 5-31 Prozent. Social Media blockiert: Ja. Politische/soziale Inhalte blockiert: Ja. Blogger inhaftiert: Ja. Pressefreiheitsstatus: Nicht frei.“ Auf dem Internetindex von Freedom House nimmt Kuba den 61. Platz von 65 überprüften Ländern ein, noch hinter Syrien, Somalia oder dem Sudan.

          Doch in Jahren der Mangelwirtschaft haben die Kubaner ein bemerkenswertes Improvisationstalent entwickelt. So begann im Jahr 2007 ein junger Bankangestellter, Musik über den Internetanschluss seiner Arbeitsstelle herunterzuladen und Playlists zusammenzustellen; die Nachfrage in seinem Freundeskreis war groß. Bald tat sich der Musikfan mit anderen Internetenthusiasten zusammen, die ähnliche Kataloge mit Videospielen oder Filmen erstellten. 2008 brachten sie ihr erstes gemeinsames Sammelwerk unters Volk – El Paquete war geboren. Was damals konspirativ mit einer Handvoll Freunde begann, hat sich im Alltag der Kubaner als flächendeckendes Business etabliert, das einen Großteil der Bevölkerung versorgt. Elio Héctor López, der Bankangestellte von damals, ist heute 28 Jahre alt, Insider kennen ihn unter einem anderen Namen: „El Transportador“. Héctor Lopez‘ Name ist ein paar mal durch die Presse gegeistert, Interviews gibt er seitdem nicht mehr. Nur dass er mittlerweile in den Vereinigten Staaten lebe und viel beschäftigt sei, richtet er aus, dann bricht der Kontakt ab.

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