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Diskussion um Stationsnamen : Nächster Halt – Onkel Toms Hütte

Der entmenschlichte Schwarze: Onkel Tom rettet die kleine Eva St. Clare aus dem Fluss und bringt sie sicher zu ihrem Vater. Der drückt seine Dankbarkeit aus, indem er Tom kauft. Bild: Bridgeman Images

Es geht nicht darum, ob eine Berliner U-Bahn-Station ihren historischen Namen behalten darf, sondern ob und wann die weiße Mehrheitsgesellschaft das Zuhören lernt: Der Fall Moses Pölking.

          4 Min.

          Harriet Beecher Stowe, die Autorin des Weltbestellers „Onkel Toms Hütte“, war eine fromme Frau. Lange bevor sie ihr Hauptwerk schrieb, hatte sie die Sklaverei in Amerika – in den Augen vieler Zeitgenossen nur eine Wirtschaftsform, keine Menschenrechtsverletzung – für falsch, grausam und sündhaft gehalten. Als 1850 eine neue Gesetzgebung, der „Fugitive Slave Act“, jeden Bewohner der Nord- und Südstaaten verpflichtete, geflüchtete Sklaven anzuzeigen, wurde die Tocher eines bekannten Geistlichen zur Aktivistin und schrieb eines der wirkmächtigsten Roman-Pamphlete der modernen Literatur. „Onkel Toms Hütte“ fegte 1852 wie ein Sturmwind durchs Land und mobilisierte nicht nur die Gegner, sondern auch die Befürworter der Sklaverei. In Europa erregte das Buch ähnliches Aufsehen. Heinrich Heine verglich den Roman mit der Bibel; George Sand nannte die Autorin eine Heilige.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dennoch empfindet der junge Berliner Basketballspieler Moses Pölking – Sohn eines Deutschen und einer Kamerunerin – den Namen der U-Bahn-Station Onkel Toms Hütte im Berliner Süden als rassistische Beleidigung und hat eine Online-Petition gestartet, um ihn ändern zu lassen. Ein „Onkel Tom“, schreibt der zweiundzwanzigjährige Pölking, sei in der Community der Inbegriff des unterwürfigen Schwarzen, der sich „bewusst entmenschlicht hat, um vor seinem Sklavenhalter nicht als Bedrohung wahrgenommen zu werden“. Es verletze schwarze Menschen, an der U-Bahn auf dieses rassistisch besetzte Klischee zu stoßen. Auch Louis Armstrong, der geniale Musiker mit dem ansteckenden Lachen, wurde abfällig ein „Onkel Tom“ genannt.

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