https://www.faz.net/-gqz-7jbln

Olympische Klingeltöne : Das Weltereignis als Zumutung

Als wären die Spiele schon nachhaltig, wenn das fünfzig Jahre alte Olympiastadion abermals genutzt würde Bild: ddp

Was sind sie wert, die Bilder und der Geist von Olympia? In vielen Gegenden, in denen darüber abgestimmt werden kann, werden Weltereignisse als Zumutung ersten Ranges empfunden.

          Teilnahme am Spitzensport will überlegt sein. Oft fällt die Entscheidung schon in der Kindheit der in Betracht Kommenden. Lassen sie sich darauf ein, bedeutet es zumeist den Verzicht auf eine normale Bildungslaufbahn. Es bedeutet frühe Spezialisierung bei hohen Entbehrungen und einem enormen Risiko, es trotzdem nicht zu schaffen, sowie den Erwerb von Fähigkeiten, mit denen sich außerhalb des Sports und also nach einer vergleichsweise kurzen Karriere wenig anfangen lässt.

          Es ist nicht verwunderlich, dass diese Risiken leichter von jemandem eingegangen werden, der aus weniger gut situierten Milieus oder Weltregionen stammt. In den Wohlstandszonen der Welt stehen viele andere Wege offen, es zu etwas zu bringen. Den Mittelschichten sind biographisches Abenteurertum und sachliche Unberechenbarkeit, die mit dem Setzen auf die Karte Sport verbunden sind, zumeist fremd. Anschauen tut man sich die Kämpfe in den Arenen natürlich trotzdem gern.

          Zunehmend desinteressiert

          Gerade wiederholt sich dieses Muster auf der Ebene ganzer Länder. Auch hier scheint es, dass je weniger abenteuerlich gesonnen und darstellungsbedürftig eine Nation ist, desto geringer die Chancen werden, dass sie sich um ein solches Weltereignis bewirbt. Der vermutete Nutzen einer zusätzlichen Investition in Sport sinkt trivialerweise, wenn schon so viel investiert worden ist. Und so oft mit leeren Versprechen.

          Insofern ist es nicht überraschend, wenn die Großregion von München bis ins Alpenland gerade auf eine Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 verzichtet hat. Andere denkbare Kandidaten wie die Schweiz (für 2022) und Österreich (für 2028) zeigen sich ebenfalls ausrichtungsmüde. In Wien waren knapp drei Viertel der Bevölkerung dagegen. Rom zog für den Sommer 2020 zurück.

          Die nächsten Olympischen Spiele gehen stattdessen 2014 nach: Sotschi, 2016: Rio de Janeiro, 2018: Pyeongchang, nur die Sommerspiele 2020 weichen mit Tokio von der Regel ab, dass „alte“ Metropolenregionen zunehmend desinteressiert sind. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wird in Brasilien stattfinden, die 2018 in Russland und die 2022 in Qatar.

          Die Möglichkeit nachhaltiger Spiele

          Man kann darin einen historischen Ausgleich zugunsten ehemaliger Peripherien sehen. Doch das wäre eine Beschönigung im Stil der Funktionäre. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) unterscheidet wie manch anderer Sportgroßverband seit jeher nicht stark zwischen Ländern, in denen die Bürger etwas zu sagen haben, und solchen, die autokratisch oder diktatorisch regiert werden. Mit dem bayerischen Bürgervotum kommt es nicht um die Einsicht herum, dass Weltereignisse in vielen Gegenden, in denen darüber abgestimmt werden kann, offenbar als ökonomische, ökologische, verkehrstechnische, administrative und ordnungspolizeiliche Zumutung ersten Ranges empfunden werden. Nicht nur, weil sie es sind, sondern weil Sättigung im Bereich dessen eingetreten ist, was als Gewinn solcher Spiele angegeben wird. Und weil die Leute inzwischen nach Stuttgart, Hamburg, Berlin - andernorts wird es vergleichbare Symbole geben - beim Wort „Großprojekt“ den Empfang abschalten.

          Oder formulieren wir es so: Die sagenhaften Restriktionen, die Gemeinden und Bürgern auferlegt werden, wenn sie mit den Großkonzernen IOC und Fifa kontrahieren, fallen für Leute, denen es ansonsten im Durchschnitt gutgeht, stärker ins negative Gewicht. Die allfälligen „Jugend der Welt“-Klingeltöne und Versprechen von Wirtschaftswachstum durch Stadionbau oder ökologisch abbaubare Bobbahnen dagegen weniger. Der ehemalige Minister der Grünen, Michael Vesper, findet mit dem bayerischen Votum geradezu die Chance vertan, die Möglichkeit nachhaltiger Spiele zu beweisen. Zum Beleg verwies er, der sich biographisch sehr nachhaltig zum Sportlobbyisten weiterentwickelt hat, auf den Plan, Eröffnungs- und Schlussfeier im selben Stadion wie fünfzig Jahre zuvor auszurichten.

          Aber die Bilder! Der Geist!

          Das ist genau die Sorte Rhetorik, die manchen inzwischen auf die Nerven geht. Einerseits werden 1,8 Milliarden Euro an Infrastrukturinvestitionen in Aussicht gestellt. Findet das jemand zu viel an Bautätigkeit, heißt es, 1,1 Milliarden davon würden ja auch ohne Olympia investiert. Befürchtet jemand immer noch die ökologische Belastung, heißt es, man feiere ohnehin in denselben Stadien. In Vancouver 2010 waren die ersten „grünen“ Spiele versprochen worden, was mit der Anlieferung von Schnee aus 250 Kilometern Entfernung einherging. Die Stadt ächzt unter der Schuldenlast und erfreut sich jeder Menge moderner Ruinen, genauso wie Lillehammer, Nagano, Turin und demnächst Sotschi.

          Aber die Bilder, die Bilder und der olympische Geist! Die Frage ist in der Tat, was sie wert sind. Der Testfall, ob wir ihrer bedürfen, wäre erst gegeben, wenn Spiele sind und gar niemand sie ausrichten wollte. Für den Winter 2018 hatten sich überhaupt nur noch drei Städte beworben. Vielleicht muss das IOC ja irgendwann dafür bezahlen, kommen zu dürfen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

          Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas  - Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel - könnten sich dabei in die Quere kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.