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Offener Brief : Lieber Götz Aly

Nein, das wollen Sie nicht. Für Sie ist eine solche Kritik ja nur in einem einzigen Fall antisemitisch: nämlich in dem Fall, in dem es sich beim Kritisierten tatsächlich um das handelt, was Sie einen Juden nennen. Denn das ist die böse Pointe Ihrer vermeintlichen Entlarvung moderner Antisemiten: Nur für Sie, nicht für die von Ihnen Angegriffenen, ist Mark Zuckerberg ein Jude. Leider erfahren wir aus Ihrem Text nicht, inwiefern er das ist. Ist er ein religiöser Mensch? Sein Wikipedia-Eintrag teilt mit, er bezeichne sich als Atheisten. Ist für Sie Mark Zuckerberg ein Jude, weil Sie etwas über seine Eltern wissen? In Michael Hanfelds Kritik an jenem offenen Brief geht es nicht um Zuckerbergs Eltern, nicht um seine Verwandtschaft, nicht um seinen Glauben, nicht um seine Biographie. Der Schriftsteller Per Leo, der über die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland geforscht hat, bringt es in einem Facebook-Eintrag zu Ihrer infamen Behauptung auf den Begriff: „Aus Zuckerberg einen ,Juden‘ gemacht zu haben, diesen Vorwurf muss sich in diesem Fall einzig und allein Götz Aly gefallen lassen.“

„Ich bin das, was Hitler einen Juden genannt hat“, schrieb der Kunsthistoriker Ernst Gombrich einst, um sich gegen diesen Erfolg des Antisemitismus zu wehren, dass als Juden auch Personen angesprochen werden, die gar nichts dazu beigetragen haben. Hitler wird auch von Ihnen, Herr Aly, erwähnt. Sie zitieren aus „Mein Kampf“ eine Passage, in der Juden der „Kunst der Lüge“ und der schamlosen Geschäftstätigkeit bezichtigt werden. Und Sie schließen daraus, dass jemand, der ein als Gemeinnutz beschönigtes Geschäftsinteresse kritisiert, ein Antisemit ist, wenn der Kritisierte zufälligerweise dem entspricht, was Sie als jüdische Herkunft bezeichnen.

Wollen Sie uns ernsthaft sagen, dass ein und dieselbe Kritik, wenn sie an einem protestantischen Internettycoon geübt wird, ihren Charakter ändert, wenn sie Mark Zuckerberg betrifft? Wie kann einem denkenden Menschen wie Ihnen, Herr Aly, die Absurdität dieser Schlussfolgerung entgehen? Wie kann einem Historiker des Nationalsozialismus entgehen, welcher Logik dieser Kurzschluss den Verstand opfert?

Der Facebook-Kommentar von Per Leo schließt mit dem Hinweis darauf, dass Antisemitismus nichts Vergangenes ist, sondern sich allerorten wieder offen zeigt. Da es sich um eine der dümmsten und niederträchtigsten Feindseligkeiten überhaupt handelt, ist die Behauptung, jemand sei Antisemit, nicht irgendeine. Sie steht darum, wie Leo schreibt, unter besonderer Pflicht, einen Nachweis zu führen. Sie, Herr Aly, entziehen sich dieser Pflicht, weil gar nichts da ist, woran er zu führen wäre. Ihnen genügen Analogieschlüsse zum Rufmord. Das ist nicht nur niederträchtig, es schwächt die Kritik des Antisemitismus, den es gibt. Finden Sie nicht auch, dass das ein ziemlich hoher Preis dafür ist, einen Artikel mit haltlosem Unfug zu füllen? Ihr Jürgen Kaube

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