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Offener Brief der Kulturszene : Selbstbesoffene Zeichensetzer

  • -Aktualisiert am

Kilowattfressende Kunstproduktion: Das Foto zeigt eine Szene vom Set des Filmes „Seebestattung“ von Dominik Balkow, aufgenommen in Brandenburg Bild: Picture Alliance

Der nächste offene Brief aus der Kunstbranche ist da! Dieses Mal geht es nicht um Corona oder Waffenlieferungen, sondern um Klimaschutz. So lange die Kulturschaffenden haltungsfähig bleiben, besteht Hoffnung, die Apokalypse abzuwenden.

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          Man hatte schon ängstlich die Tage heruntergezählt, an denen noch immer kein neuer Offener Brief aus der Kulturszene erschienen war. Erwartungsvoll hatte man an den Lippen der Theaterintendanten und Tatortschauspielerinnen gehangen und sehnsuchtsvoll auf ihr Bekenntnis gewartet, aber bisher hatten sie uns mit einem unerträglichen Schweigen gestraft. Nun aber, endlich, die erlösende Nachricht: Es gibt einen neuen Offenen Brief aus der Kulturszene, der, schön aufgemacht und mit einer langen Liste versehen, stolz den Mut seiner Unterzeichner beurkundet. Es geht diesmal nicht um Corona oder um Waffen, nicht darum, alles dicht- zumachen oder Verhandlungen mit Putin zu empfehlen, sondern um den Klimaschutz.

          Klimaschutz ist kein Verbrechen

          Nein, nicht darum, sich zum 1,5-Grad-Ziel zu bekennen oder beispielsweise auf ein Drittel aller energieintensiven Produktionen oder Dreharbeiten zu verzichten, nicht et­wa darum, teure Bühnenbilder wiederzuverwerten oder das eigene Reisen einzuschränken. Das wäre ja mit der Kunstfreiheit unvereinbar. Also belässt es die Kulturbranche wieder einmal dabei, sich mit den Unternehmungen anderer zu solidarisieren. Ein Zeichen zu setzen. Dringend er­wartet sicherlich von allen Klimapolitikern und Energietechnologen, die in ihren Arbeitskreisen und Laboren jetzt anerkennend mit dem Kopf nicken. Diesmal heißt der Hashtag „Klimaschutz ist kein Verbrechen“. Es geht um die heldenhafte Verteidigung der neuen Staatsfeinde, der „LG-Bande“, die sich „mit Straßenblockaden und anderen Aktionen gegen das kollektive Versagen stemmen“.

          Bewunderung für Klebe-Anarchisten

          Die Be­wunderung der staatlich finanzierten Kunstschaffenden für die Klebe-Anarchisten auf der Straße und in den Museen ist grenzenlos, genau wie ihre Verachtung für eine politische Verwaltung, deren Handeln nichts als „rücksichtlos“ sei: „Was tut die Regierung? Sie drängt auf Erschließung neuer Gasfelder, lässt in Rekordzeit LNG-Terminals bauen, diskutiert über Fracking“ – dass damit die Energieversorgung nicht nur der breiten Bevölkerung, sondern auch der klimabewegten Kulturszene gesichert werden soll, damit ihre Parkettreihen warm bleiben und ihre kilowattfressenden Scheinwerfer bei nächtlichen Dreharbeiten grell leuchten können, ist den kritischen Unterzeichnern kein selbstkritisches Zeichen wert. Stattdessen: Solidarität mit den Ge­ächteten und warme Widerstandsworte gegen die Herrschaft. Die ei­gentliche Absicht des unter anderen vom Pädagogenregisseur Volker Lösch initiierten Briefes offenbart sich allerdings erst im vorletzten Absatz.

          Da heißt es selbstbesoffen: „Wir als Künstler*innen sind traditionell stolz darauf, Haltung zu zeigen, politisch zu sein.“ Ach so, denkt man etwas ernüchtert, also darum geht es an allererster Stelle: Um einen Beweis der eigenen Haltungsfähigkeit. Nicht handlungsfähig – das sind immer die anderen, die Politiker, die Unternehmer, die Gesellschaft. Aber solange die Kulturschaffenden haltungsfähig und politisch bleiben, besteht Hoffnung. Zumindest die auf einen baldigen nächsten Brief.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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