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Österreichs Kulturpolitik : Die richtigen im falschen Amt

  • -Aktualisiert am

Ulrike Lunacek fuhr als Spitzenkandidatin bei den Wahlen 2017 ein so schlechtes Ergebnis ein, dass die Grünen aus dem Nationalrat ausziehen mussten. Bild: dpa

Die Museumslandschaft wird nur eine ihrer großen Baustellen sein: Was haben Österreichs Grüne mit der Kulturpolitik vor?

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          Als in der österreichischen Hauptstadt zu Jahresbeginn die neue Bundesregierung präsentiert wurde, zählte die Staatssekretärin für Kunst und Kultur zu den größten Überraschungen. In einer Last-Minute-Entscheidung hatten die Grünen der 1957 geborenen Ulrike Lunacek ein Comeback beschert. Lunacek war als grüne Europapolitikerin erfolgreich, fuhr jedoch als Spitzenkandidatin bei den Wahlen 2017 ein so schlechtes Ergebnis ein, dass die Öko-Partei aus dem Nationalrat ausziehen musste. Während der herbstlichen Koalitionsverhandlungen hatte noch die ehemalige Rektorin der Akademie der bildenden Künste, Eva Blimlinger, als prädestiniert für den Posten der Kulturministerin gegolten. Diese Hoffnungen wurden doppelt enttäuscht: Im Gegensatz zu Blimlinger hat Lunacek keine Erfahrung in diesem Bereich, und als Staatssekretärin im Amt des Vizekanzlers büßt sie auch an Pouvoir ein.

          Aber wie haben es die 1986 erstmals ins österreichische Parlament eingezogenen Grünen in der Vergangenheit mit der Kultur gehalten? Wenngleich weite Teile der österreichischen Kunstschaffenden hinter der Partei stehen, war deren Engagement für dieses Wählerklientel doch recht überschaubar. Lange Zeit funktionierte grüne Kulturpolitik als „One Man Show“ und war untrennbar mit dem Namen Wolfgang Zinggl verbunden. Der ehemalige Kunstkritiker begann sich im Jahr 2000 aus Protest gegen die rechtskonservative ÖVP-FPÖ-Koalition parteipolitisch zu engagieren. Zinggl erarbeitete damals das Kulturprogramm der Grünen, mit dem der Quereinsteiger so viel Weitblick bewies, dass es bis heute weitgehend beibehalten wurde. Die Grünen sollten sich weniger um eine „Kultur für alle“ im Sinne einer bildungspolitischen Umverteilung kümmern als um eine „Kultur von allen“. Zinggls Programm zielte auf eine Wertschätzung von Andersheit, lange bevor der Anglizismus „Diversität“ in Mode kam.

          Der „Direktorenschreck“

          In der Praxis nahm der grüne Kultursprecher die Spitzen des Kunstbetriebs ins Visier. Während seiner Jahre im Nationalrat von 2004 bis 2017 erhielt Zinggl den Titel „Direktorenschreck“. So bezeichnete die Presse den Grünen-Politiker, der mit seinen parlamentarischen Anfragen die höchsten Museumsetagen erschütterte. Durch Zinggls Druck wurde publik, dass mit Spitzengehältern ausgestattete Wiener Museumsleiter noch einigermaßen feudalen Führungsstilen frönten. Zeitgemäße Compliance-Regeln sowie Mitarbeiterführung auf Augenhöhe hatten dort noch nicht Einzug gehalten.

          Nicht nur Peter Noever vom Österreichischen Museum für angewandte Kunst (MAK) musste 2011 nach Kritik von grüner Seite den Hut nehmen, auch Gerald Matt von der Kunsthalle Wien geriet unter Beschuss und trat 2012 als Direktor zurück. Schließlich stolperte noch Agnes Husslein-Arco vom Belvedere 2016 über ihren allzu lockeren Umgang mit Spesenabrechnungen.

          Die Museumslandschaft wird auch in Zukunft zu den größten Baustellen der Kulturpolitik zählen. Wiewohl die Qualität des Programms und die Besucherzahlen stimmen, herrscht struktureller Handlungsbedarf. Die Grünen haben wiederholt die fehlende Absprache der Häuser kritisiert, was deren doppelgleisige Ausstellungs- und Ankaufspolitik betrifft. Im Kampf um das Publikum agiert etwa Klaus Albrecht Schröder von der Albertina nicht zimperlich. So präsentierte er bereits 2017 eine Schau zum grafischen Werk von Pieter Bruegel dem Älteren, obwohl das Kunsthistorische Museum erst 2018 seine lang vorbereitete Bruegel-Schau eröffnete. Es kann nicht im Interesse der Öffentlichkeit liegen, dass sich Bundesmuseen gegenseitig konkurrenzieren, anstatt in puncto Marketing und Leihverträgen kostengünstigere Kooperationen zu entwickeln. Auch was die Sammlungen angeht, kommen sich die Häuser gegenseitig in die Quere, kaufen doch alle am liebsten Gegenwartskunst.

          Egotrips der Museumsdirektoren

          Für mehr institutionelle Kontrolle hatte Lunaceks Vorgänger, der ÖVP-Minister Gernot Blümel, die Einrichtung einer Bundesmuseen-Service-GmbH angekündigt. Deren Generalsekretär soll sich um technische Belange der Museumsgebäude und -depots sowie um einen zentralen Kartenverkauf kümmern. Die Grünen unterstützen diesen Plan, wiewohl die drängenden inhaltlichen Fragen dabei unberührt bleiben. Ohne Entscheidungsbefugnisse sei ein solcher Generalsekretär sinnlos, kritisierte Zinggl, bevor er letzten Herbst die Politik verließ. Der resoluten Grünen Eva Blimlinger hätten viele zugetraut, die Egotrips der Museumsdirektoren zu bremsen, aber sie wird zukünftig den Kulturausschuss im Parlament leiten. Lunacek sei die richtige Politikerin im falschen Amt, war dieser Tage häufig über die neue Kulturstaatssekretärin zu hören.

          Ihr Aktionsradius wird maßgeblich von den budgetären Mitteln abhängen, die der ehemalige Kulturminister und jetzige Finanzminister Blümel seiner Nachfolgerin zugesteht. Und so wenig, wie Blümel als Kulturminister geglänzt hat, könnte er an einer Profilierung Lunaceks kaum Interesse haben.

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