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Österreichs Präsident : Van der Bellen und das Kopftuch

Unverhüllt: Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Bild: dpa

Wie wäre es, wenn alle Frauen aus Solidarität mit Musliminnen Kopftuch tragen? Österreichs Bundespräsident Van der Bellen könnte sich das vorstellen. Wir haben einen anderen Vorschlag.

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          Wenn Männer Frauen sagen wollen, was diese anziehen sollen, geht das nie gut aus. Tragikomödien aus der Kategorie „Steht dir doch gut, Schatz“ vor Umkleidekabinen sind ein weltanschaulich harmloser Ausdruck dieser Tatsache.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Kopftuch hingegen, von männlichen Autoritäten im Islam ersonnen, um dem vermeintlich optischen Reizen hilflos ausgelieferten Mann vor dem Anblick weiblicher Haupthaare zu schützen, ist Textil gewordener kultureller Reizstoff: Symbol für die Unterdrückung der Frau, den politischen Islam und Probleme der Integration. Zugleich wird es von einem Teil der Musliminnen, die in Ländern mit freier Kleiderordnung leben, als Symbol selbstbestimmter Verhüllung eingeklagt.

          Rat an „alle Frauen“

          In dieser komplizierten und ideologisch aufgeladenen Debatte hätte es eines gewiss nicht gebraucht – den von dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen auf einer vom ORF-Fernsehen auszugsweise ausgestrahlten Veranstaltung formulierten Rat an „alle Frauen“, sich zu verhüllen. Van der Bellen konstatiert eine „um sich greifende Islamophobie“. Ihretwegen „wird noch der Tag kommen, an dem wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen – alle – aus Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun“.

          Herr Van der Bellen müsste sich für diese von ihm angeregte Solidaritätsbekundung auch kein Tuch überwerfen, deshalb wollen wir ein paar Gegenfragen stellen: Ist nicht die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Männern wie Frauen alle Möglichkeiten eröffnet, inklusive Religionsfreiheit, die einzig angemessene Solidarität mit Menschen, die sich aus religiösen Gründen so oder so kleiden wollen? Setzt diese Grundordnung religiösen Symbolen in gewissen Bereichen nicht aus gutem Grund Grenzen? Und wäre es nicht angemessener, wenn alle Männer, ob muslimisch oder nicht, für einen Tag Kopftuch oder Burka trügen aus Solidarität mit jenen Frauen, die solche Verhüllung nicht aus freien Stücken tragen? Die Wiener Hofburg beschwichtigte derweil, Van der Bellen habe lediglich „zugespitzt“. Will heißen: War nicht ernstgemeint. Tatsächlich gibt es für seinen Vorschlag nur ein angemessenes Kleidungsstück: den Mantel des Schweigens.

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