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Ökologische Utopien : Die Stadt erscheint im Anthropozän

Abkehr vom apokalyptischen Denken: Das Masdar Institute of Science and Technology in Abu Dhabi Bild: dapd

Es gibt sie wieder, die ökologischen Utopien: Mitten in der Krise der Klimapolitik propagieren Wissenschaftler das gemeinschaftliche Handeln auf überschaubarem Terrain. Das nachhaltige, kohlenstoffneutrale Leben wird ein urbanes sein.

          „Morgenstadt“ – so heißt die deutsche Antwort auf den globalen Klimawandel. Eine sehr grüne und zugleich technophile Vision. Die Geschichte beginnt im Originalton so: „Die Emissionsuhr am Rathaus von Morgenstadt zeigt seit bald 30 Jahren an, welchen Ausstoß an Kohlendioxid jeder Einwohner im Jahr statistisch betrachtet zu verantworten hat. Auf ihrer Homepage zeichnet die Stadt seit mehr als einer Generation ihren ökologischen Fußabdruck detailgetreu nach.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          So lauten die ersten beiden Sätze einer Erzählung über die durchschnittliche kohlendioxidneutrale, energieeffiziente und klimaangepasste „Bestandsstadt“ irgendwann zwischen 2030 und 2050 (siehe Eine Antwort auf den Klimawandel: Morgenstadt). Ein grüner Traum – geträumt und aufgeschrieben in einem Land, in dem das ökologische Weltgewissen schon seit geraumer Zeit einen sicheren Hafen gefunden hat und in dem grüne Lebensentwürfe nun plötzlich sogar mehrheitsfähig zu werden versprechen.

          Wir lesen in dieser Erzählung aus der Zukunft von Bewohnern, die in Nullenergiehäusern leben und zu „Prosumern“ geworden sind, das heißt längst nicht mehr nur Energie konsumieren, sondern im großen Maßstab selbst produzieren. Eine Stadt von ökologischen Superhelden. Seitenlang geht das so in dieser utopischen Erzählung. Das Besondere daran ist nicht etwa die grüne Hightech-Phantasie. Eher schon die bemerkenswert jargonarme, gelegentlich sogar literarische Prosa. Denn die Geschichte stammt direkt aus dem Bundesforschungsministerium. Bundesministerin Schavan hat die Erzählung zusammen mit Fraunhofer-Präsident Bullinger in Auftrag gegeben; formuliert und erdacht wurde sie von neunzehn deutschen Ingenieuren und Techniktheoretikern.

          Abkehr vom apokalyptischen Denken: Das Masdar Institute of Science and Technology in Abu Dhabi

          Klimapolitik ist Wirtschaftspolitik

          Ein altes hochkomplexes Thema, verpackt in einer ungewohnten unterkomplexen Sprache. Kurz vor dem Klimagipfel von Cancun holt das Ministerium die Utopie jetzt aus seinen Schubladen. Kaum etwas ist in den vergangenen Monaten so grau geworden wie die grüne Weltinnenpolitik, die sich noch vor Jahresfrist die Kontrolle des globalen Klimas auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Die grüne Galionsfigur des Klimagipfels von Kopenhagen, Connie Hedegard, die dort von Chinas und Amerikas Delegierten an der Nase herumgeführt wurde, versucht heute als Klimakommissarin in Brüssel zu retten, was auf großer Bühne noch zu retten ist. Und sie tut es immer wieder mit einem Satz, der zu einem Mantra der Weltrettungsdiplomatie geworden ist: „Ändert die Story. Erzählt positive Geschichten.“

          Also werden auf den einschlägigen Veranstaltungen immer seltener der Weltuntergang und finanzielle Ökoopfer beschworen, werden lieber Entwürfe für eine moderne zukunftsfähige Welt ausgemalt. „Leben in einer kohlenstoffarmen Gesellschaft“ hieß so eine Konferenz in Brüssel, auf der vor wenigen Tagen auch der Klimaberater der Bundesregierung und des EU-Kommissionspräsidenten, Hans Joachim Schellnhuber, nach „konstruktiven Geschichten“ suchte.

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