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Ökobilanz : Wie könnte mein Schrank die Welt retten?

Sieben Uhr morgens: Die Revolution beginnt zu Hause Bild: Archiv

Am besten, das sagte zum Beispiel Michael Jackson, fängt der Mensch im Spiegel mit dem Umsturz der Verhältnisse an. Ein Selbstversuch in den eigenen vier Wänden. Aus dem F.A.S.-Dossier zur Weltrettung.

          Morgens um sieben ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Da liegt man in seinem Bett in seiner Wohnung, und wenn es nicht gerade aus der Decke tropft und auch sonst alles stabil ist, am Ende eines langen Jahres, die Geschenke gekauft, Weihnachten eingeschneit, wenn also alles andere so weit in Ordnung ist im Leben, nur die Welt eben nicht, Klima, Menschenrechte, Artenschutz, dann wäre sieben Uhr morgens vielleicht genau die richtige Zeit, darüber nachzudenken, was zu tun ist, um sie zu retten, diese Welt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Tag ist da ja noch lang. Und weil sich draußen im Schnee sowieso nichts rührt und eigentlich kein Mensch bei so einem Wetter vor die Tür gehen will, könnte man die Weltrettung einfach vom Bett aus angehen. So wie in dem bitterbösen Witz, wo jemand beim Steuerberater anruft und sagt: Ich bin Selbstmordattentäter, kann ich auch von zu Hause aus arbeiten?

          Aber die Lage ist ernst. So viele Bürgerbewegungen begannen mit der Idee, erst mal vor der eigenen Haustür zu kehren - das ist nicht erst in Stuttgart erfunden worden, auch wenn sie es dort ja besonders leidenschaftlich tun. Alle T-Shirt-Aufdrucke der letzten zwanzig, dreißig Jahre waren Ausdruck der Idee, bei sich selbst anzufangen: „Think global, act local“ zum Beispiel. „I'm starting with the man in the mirror“, sang Michael Jackson, „I'm asking him to change his ways“, und wenn man ihm das nicht glauben will, weil sich der Mann, den Jackson dort im Spiegel sah, so dramatisch veränderte, bis gar nichts mehr zu retten war, dann hört man vielleicht lieber auf die amerikanischen Punkrocker von Hüsker Dü. Sie schrieben vor vielen Jahren auf eine ihrer Platten den immer noch gültigen Satz: „Revolution starts at home, preferably in the bathroom mirror“.

          Flutlichter wie in einem sowjetischen Arbeitslager

          Um zu diesem Badezimmerspiegel zu kommen, müsste man aber erst mal aufstehen und ins Bad. Sieben Uhr morgens. Und damit fängt es an.

          Nackte Füße auf Holzdielen. Wie sind die eigentlich behandelt? Auf jeden Fall sind sie kalt. Also schnell Socken an (zum Beispiel aus Ökowolle, am besten selbstgestrickt, um Transportwege zu sparen, vielleicht mit Garn vom Ökohändler Wolland, Modell „Yak“, 50 Prozent Yak-Wolle, 50 Prozent Merino extrafein, 6,95 Euro für 30 Gramm, Nadelstärke 4-5). Es ist noch dunkel auf der nördlichen Halbkugel der ungeretteten Welt, aber ich mache heute Morgen einmal kein Licht an: um Strom zu sparen. Strom und woher er kommt, das war der große Streit des ablaufenden Jahres, aber heute Morgen soll dieser Strom einmal dort bleiben, wo er herkommt. Besser, man macht es sich unbequem, die Welt hat es ja auch nicht mehr bequem, besser im Finstern zum Fenster stolpern, das in Altbauten meistens keine Rollläden hat; obwohl Rollläden, so hässlich sie auch sein mögen, fünfzig Prozent der Wärme, die über die Fenster verlorengehen, abfangen könnten.

          Draußen ist es aber gar nicht dunkel. Auf dem Hinterhof glühen nämlich die Außenlampen einer Kindertagesstätte, sie glühen oft die ganze Nacht hindurch, und wenn der Plan nicht wäre, von der Wohnung aus die Welt zu retten, könnte ich jetzt endlich mal hinuntergehen und die Herrschaften fragen, wozu sie nachts eigentlich Flutlichter wie in einem sowjetischen Arbeitslager brauchen: Es sieht zwar im Moment aus wie in Workuta da draußen, aber es sind doch gar keine Kinder da!

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