https://www.faz.net/-gqz-6ud0n

„Occupy Wall Street“ : Zeigt uns, wie Demokratie aussieht!

  • -Aktualisiert am

Der Sprung über die Barrikaden – Demonstranten mit rotem Rettungsschirm im Finanzdistrikt von New York Bild: AFP

Der Liberty Platz in New York ist ein richtiges kleines Dorf geworden. Wie die „Occupy Wall Street“-Bewegung gegen Obrigkeit und Finanzsystem kämpft: Eine Woche unter Protestlern.

          7 Min.

          Der amerikanische Tahrir-Square befindet sich in Downtown Manhattan, einen gut gezielten Steinwurf entfernt von der Stelle, wo einst die Türme des World Trade Centers standen. Er ist nicht groß, ein Plätzchen eher als ein Platz, sein offizieller Name ist Zuccotti Park, nach dem Investor, der den Park nach den Terroranschlägen vom 9. September 2001 wiederherrichten ließ, doch die Menschen, die sich seit knapp einem Monat dort versammeln, zum Teil dort campen, nennen ihn trotzig bei seinem alten Namen: Liberty Square. Schon aus einiger Entfernung sind die Trommeln zu hören, beim Näherkommen rollen Passanten plötzlich Plakate auf, die sie hoch halten, sowie sie den Platz betreten. „Drop Banks, not Bombs“, oder „United we stand, divided we Wall“.

          Die Menschen, die hier zusammenkommen, sind jung und alt, schwarz und weiß, Asiaten und Latinos, Christen, Juden, Muslime und Buddhisten, sind Lehrer, Studenten, Angestellte, kommen aus Uptown Manhattan, Arkansas oder von noch weiter her; manche haben eine Schraube locker, wie sich im Gespräch herausstellt, die meisten wirken vernünftig. Es sind tausend oder mehr, schwer zu schätzen. Es gibt keinen Anführer, sie sind eine Gruppe ohne Hierarchie. Was sie vereint, ist ihre Wut: Darauf, in einem Land zu leben, in dem, wie sie sagen, ein Prozent die Macht und das Geld hat, während der Rest sehen muss, wo er bleibt. „We are the 99 percent“, ist ihr Schlachtruf, den sie immer wieder anstimmen.

          Anfang der Woche ist das Wetter sommerlich, auf den ersten Blick herrscht Ferienlager-Atmosphäre, doch jedes Gespräch auf diesem Platz dreht sich um Politik. „Wir wollen Jobs“, „Die afrikanischen Staaten zahlen jedes Jahr...“, „Würdest du für dieses Geld arbeiten?“ - solche Satzfetzen schnappt man im Vorbeigehen auf. „Was ist dein Anliegen, was hat dich hierhergebracht?“, werde ich von einem jungen Mann gefragt, der seit der ersten Versammlung jeden Abend nach seiner Arbeit hier vorbeischaut. Ich sage ihm, dass ich neugierig sei. Er selbst ist gegen den Patriot Act, gegen das Verschwinden der Mittelklasse und dagegen, dass die Banken nach der von ihnen verschuldeten Weltwirtschaftskrise weitermachen dürfen wie zuvor - „während wir keine oder schlechte Jobs haben und keine Krankenversicherung und Studenten mit 50.000 Dollar Schulden aus dem Studium kommen, ohne Perspektive“.

          In Wut vereint

          Mitte der Woche ist das Wetter umgeschlagen, es ist kühl und regnerisch. Waren am Vortag noch mehrere hundert Personen einem Aufruf gefolgt, gemeinsam nach Uptown zu pilgern und dort vor den Wohnhäusern von Bankenchefs zu protestieren, ist es am Mittwochnachmittag nur noch eine zweistellige Zahl. Heute wollen sie vors Haus von Jamie Dimon ziehen, dem CEO der Bank JPMorgan Chase & Co. Jedem Passanten, der nicht wegguckt, wird ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem dazu aufgerufen wird, Dimon anzurufen, seine Telefonnummer steht dabei: „Sag ihm, er soll seinen fairen Beitrag an Steuern zahlen“, steht da und dass er für 2012 eine Steuerermäßigung von 436.000 Dollar erhält.

          Nicht nur der Wall-Street-Bulle ist wütend, wird aber von der Polizei geschützt.
          Nicht nur der Wall-Street-Bulle ist wütend, wird aber von der Polizei geschützt. : Bild: AFP

          Der Zuccotti-Platz ist an diesem Tag zur Hälfte unter blauen Plastikplanen verschwunden, unter denen sich einige Demonstranten zum Schlafen hingelegt haben. Richtige Zelte sind nicht gestattet, da die Stangen als Waffen benutzt werden könnten. Reporter halten den Protestlern Mikrofone vors Gesicht. „Seit wann bist du hier?“ - „Was wollt ihr genau?“ - „Was hat dich hierhergebracht?“ Immer dieselben Fragen. Vor einer Gruppe junger Leute, die es sich neben einem Che-Guevara-Plakat auf einem Sofa bequem gemacht hat, klebt ein Schild auf dem Boden: „Hört auf, Fotos zu machen und uns Fragen zu stellen.“ Besonders oft werden an diesem Tag zwei Jungen fotografiert, auf deren Plakat steht: „We bailed you out, now it’s our turn“. (Wir haben euch Banken gerettet, jetzt sind wir dran.) Sie sind höchstens vierzehn Jahre alt.

          Was auf den ersten Blick chaotisch wirkt, stellt sich als perfekt organisiert heraus. Es ist ein richtiges Dorf entstanden, mit festen Schlafplätzen, einer Küche, die täglich bis zu zweitausend warme Essen ausgeben kann, einem Infozentrum, einer Internetzentrale, in der Tag und Nacht junge Menschen vor Bildschirmen sitzen und alles, was passiert, live dem Rest der Welt mitteilen. Es gibt einen Friseur, der umsonst rasiert, eine Anlaufstelle für Journalisten, an der auch die selbst produzierte Zeitung, „The Occupied Wall Street Journal“, verteilt wird, und Arbeitsgruppen für Rechtsberatung oder Reinigung. Nur Sanitäranlagen gibt es nicht. Die Lokalteile der Zeitungen sind voll mit Berichten über entnervte Anwohner, die sich über Gestank, Dreck und nächtliche Ruhestörung beklagen.

          Prominente Besucher

          Jeden Abend findet eine Generalversammlung statt, „G.A.“ genannt, kurz für „General Assembly“. Das Benutzen von Verstärkern ist verboten, es geht aber auch ohne Mikrofon: Der Redner sagt einen halben Satz, die Umstehenden wiederholen ihn nach hinten gewandt, noch weiter hinten Stehende wiederholen ihn ein weiteres Mal, dann spricht der Redner den nächsten halben Satz, der wieder vom Kollektiv wiederholt wird und so weiter. „People’s mic“ nennen sie, was an einen griechischen Chor oder einen Gottesdienst erinnert, tatsächlich sehr effizient ist und den schönen Nebeneffekt hat, dass die Redner sich in der Regel kurz fassen. Bisweilen entsteht eine gewisse Komik, wenn etwa eine Frau das Wort ergreift und sagt: „Hi, I’m Mary“. Und die Umstehenden wiederholen: „Hi, I’m Mary“, „Hi, I’m Mary“.

          Die „Occupy Wall Street“-Bewegung, kurz OWS, wurde anfangs von den amerikanischen Leitmedien belächelt, doch mittlerweile berichten sie täglich über sie, und, wie es scheint, nicht ohne Sympathie. Vermisst wird aber ein Konzept; und die schlichte Weltsicht wird kritisiert: „Eine Gruppe, die die Welt unterteilt in die guten 99 Prozent und das böse eine Prozent, wird (...) nichts dazu zu sagen haben, wie die Amerikaner überkonsumiert und sich verschuldet haben. Dies sind Probleme, die einen viel breiteren Teil der Gesellschaft betreffen, als nur das eine Spitzenprozent“, hieß es in einem „New York Times“-Kommentar.

          Dennoch werden die Parkbesetzer inzwischen von vielen ernst genommen. Zu den Prominenten, die OWS bereits besucht und dort (in der People’s-mic-Methode) gesprochen haben, gehören Michael Moore, Naomi Klein und Slavoj Žižek. Wirtschaftnobelpreisträger Paul Krugman hat sich positiv geäußert - endlich einmal wären Menschen wütend auf die Richtigen. Noam Chomsky sprach von einer „extrem wichtigen Bewegung - was auch immer aus ihr werden wird“. Auch Präsident Obama scheint mittlerweile Notiz genommen zu haben, wenngleich er bei einer Pressekonferenz auf Nachfragen nur sehr vage so etwas wie Verständnis formulierte. Roseanne Barr und Susan Sarandon haben auch schon vorbeigeschaut.

          Respektvoller Umgang

          Die neue Form des Massenprotests begann in New York im Juni, als ein paar Menschen vor der City Hall campten, um gegen die Sparpolitik von Bürgermeister Bloomberg zu protestieren. Im Juli rief dann das kanadische Magazin „Adbusters“ dazu auf, am 17. September die Wall Street zu besetzen. 20000 Leute wollten sie dort sehen, Ziel sei es, dass Obama eine Kommission einsetze, die untersuchen solle, welchen Einfluss Geld auf die Abgeordneten in Washington habe. Es kamen tausend. Ihr Ziel ist nicht mehr ganz so konkret, aber dafür sind sie seitdem hier. Und spätestens seit am 1. Oktober an die 700 Personen bei einem Protestmarsch über die Brooklyn Bridge festgenommen wurden, kennt sie die ganze Welt.

          Wie jede Protestbewegung zieht natürlich auch diese Verrückte an. Da ist diese Gruppe von Yogis, die mit geschlossenen Augen im Halbkreis sitzen und stundenlang dasselbe Mantra singen. Ein paar Leute sehen aus, als seien sie direkt aus den kalifornischen sechziger Jahren hergebeamt worden, mit Rastahaaren, Blümchen im Haar, verträumtem Lächeln im Gesicht, nur das iPhone in der Hand verrät unsere Zeit. Anarchisten verteilen Flugblätter, in denen davor gewarnt wird, Polizisten zu vertrauen. Wer zum harten Kern der Aktivisten gehört, kann man riechen, was ohne sanitäre Einrichtungen unvermeidlich ist.

          Wie organisiert das Miteinander ist, zeigt sich, als ich in ein Gespräch mit einem energetisch auf und ab wippenden Mittfünfziger gerate, der ein Schild hoch hält, auf dem steht: „USA: Terrorist Nation“. Als ich ihn bitte, das zu erklären, fährt er mich an, ob ich denn nichts verstünde. Er ist äußerst erregt, doch innerhalb von Sekunden sind drei freundliche junge Männer in Kapuzenpullovern an ihn herangetreten, sie seien vom Mediatoren-Team. „Wir sind hier friedlich, wir respektieren einander. Und wenn du das anders siehst, solltest du gehen“, sagen sie zu dem Mann.

          Am Donnerstag ist die Stimmung deutlich anders. Bürgermeister Bloomberg hat angekündigt, den Platz am nächsten Morgen säubern zu lassen, die Protestler befürchten, evakuiert zu werden. Vorsichtshalber haben sie selbst damit begonnen, sauberzumachen, die Planen wurden zusammengefaltet, Schrubbtrupps sind im Einsatz, man möchte sich keinen Fehler nachweisen lassen. „Wir gehen auf keinen Fall von hier weg“, erklärt eine junge Frau, die trotz des kühlen Wetters ein Tanktop trägt. Sie wollten eine Menschenkette bilden und die Polizei so daran hindern, den Platz zu betreten. Das sei vielleicht nicht legal, aber „wir sind nicht hier, um Regeln zu befolgen, dies ist eine Protestbewegung!“ Unser Gespräch wird dadurch unterbrochen, dass sich ein junger Mann neben uns allgemein Gehör verschafft. „Es gibt jetzt einen Marsch, wir ziehen vors ,Cipriani‘, in dem Bloomberg gerade zu Abend isst. Wir wollen ihm eine Petition überreichen mit Unterschriften, dass wir uns nicht vertreiben lassen. Wer Lust hat, mitzukommen, es geht jetzt los.“

          So sieht Demokratie aus

          Die kleine Gruppe, die aufbricht, vergrößert sich in Windeseile zu einer größeren Menge, die ein paar Straßen weiter vor dem Nobelrestaurant stoppt: „Show me what democracy looks like! / This is what democracy looks like!“ Es klingt eingängig wie ein Hit. Als Bloomberg nach einer Viertelstunde Rufen immer noch nicht aus dem Restaurant gekommen ist, zieht man enttäuscht wieder ab. „Demokratie“ - „Demokratie“, „Demokratie“ - „funktioniert für diese Leute“ - „funktioniert für diese Leute“, „funktioniert für diese Leute“ - „wohl nur von 9 bis 17 Uhr“ - „wohl nur von 9 bis 17 Uhr“, „wohl nur von 9 bis 17 Uhr“, wird durchgesagt. Es folgt ein anderer Refrain der Bewegung: „All day, all week, occupy Wall Street“.

          Am Freitagmorgen um 6 Uhr 30 ist die Menge auf dem Platz deutlich angeschwollen, 3000 Menschen sind angeblich da, man steht dicht an dicht. Im Internet wurde dazu aufgerufen, zahlreich zu erscheinen, um die befürchtete Evakuierung zu verhindern. Bei einem spontanen Marsch den Broadway hinauf kommt es zu ein paar Verhaftungen. Die Stimmung zwischen Polizei und Protestlern ist nervös. Die Firma Brookfield Properties, der der Park gehört (eigentlich ein Paradox, doch der öffentliche Park ist in Privatbesitz), hat angekündigt, unter anderem das Benutzen von Schlafsäcken unterbinden zu wollen. Der Wetterbericht sagt für die kommende Woche Regen und Gewitter voraus.

          Und während es im Vordergrund um ganz praktische Dinge geht, scheint sich die Bewegung gerade im Inneren zu stabilisieren und an Einfluss zu gewinnen. In mehr als hundert amerikanischen Städten kam es zu ähnlichen Protesten. Am Samstag wurde auch in den deutschen Bankenvierteln demonstriert.

          Sie sind vielleicht nicht 99 Prozent. Aber sie meinen es ernst.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einmalhandschuhe zum Tampon-Herausziehen? Ziemlich überflüssig.

          „Pinky“-Handschuhe : Bitte nicht schon wieder pink!

          Zwei Männer wollen einen pinkfarbenen Handschuh verkaufen, mit dem Frauen „hygienisch“ Tampons entfernen und entsorgen können. Muss das sein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.