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„Occupy Wall Street“ : Zeigt uns, wie Demokratie aussieht!

  • -Aktualisiert am

Der Sprung über die Barrikaden – Demonstranten mit rotem Rettungsschirm im Finanzdistrikt von New York Bild: AFP

Der Liberty Platz in New York ist ein richtiges kleines Dorf geworden. Wie die „Occupy Wall Street“-Bewegung gegen Obrigkeit und Finanzsystem kämpft: Eine Woche unter Protestlern.

          Der amerikanische Tahrir-Square befindet sich in Downtown Manhattan, einen gut gezielten Steinwurf entfernt von der Stelle, wo einst die Türme des World Trade Centers standen. Er ist nicht groß, ein Plätzchen eher als ein Platz, sein offizieller Name ist Zuccotti Park, nach dem Investor, der den Park nach den Terroranschlägen vom 9. September 2001 wiederherrichten ließ, doch die Menschen, die sich seit knapp einem Monat dort versammeln, zum Teil dort campen, nennen ihn trotzig bei seinem alten Namen: Liberty Square. Schon aus einiger Entfernung sind die Trommeln zu hören, beim Näherkommen rollen Passanten plötzlich Plakate auf, die sie hoch halten, sowie sie den Platz betreten. „Drop Banks, not Bombs“, oder „United we stand, divided we Wall“.

          Die Menschen, die hier zusammenkommen, sind jung und alt, schwarz und weiß, Asiaten und Latinos, Christen, Juden, Muslime und Buddhisten, sind Lehrer, Studenten, Angestellte, kommen aus Uptown Manhattan, Arkansas oder von noch weiter her; manche haben eine Schraube locker, wie sich im Gespräch herausstellt, die meisten wirken vernünftig. Es sind tausend oder mehr, schwer zu schätzen. Es gibt keinen Anführer, sie sind eine Gruppe ohne Hierarchie. Was sie vereint, ist ihre Wut: Darauf, in einem Land zu leben, in dem, wie sie sagen, ein Prozent die Macht und das Geld hat, während der Rest sehen muss, wo er bleibt. „We are the 99 percent“, ist ihr Schlachtruf, den sie immer wieder anstimmen.

          Anfang der Woche ist das Wetter sommerlich, auf den ersten Blick herrscht Ferienlager-Atmosphäre, doch jedes Gespräch auf diesem Platz dreht sich um Politik. „Wir wollen Jobs“, „Die afrikanischen Staaten zahlen jedes Jahr...“, „Würdest du für dieses Geld arbeiten?“ - solche Satzfetzen schnappt man im Vorbeigehen auf. „Was ist dein Anliegen, was hat dich hierhergebracht?“, werde ich von einem jungen Mann gefragt, der seit der ersten Versammlung jeden Abend nach seiner Arbeit hier vorbeischaut. Ich sage ihm, dass ich neugierig sei. Er selbst ist gegen den Patriot Act, gegen das Verschwinden der Mittelklasse und dagegen, dass die Banken nach der von ihnen verschuldeten Weltwirtschaftskrise weitermachen dürfen wie zuvor - „während wir keine oder schlechte Jobs haben und keine Krankenversicherung und Studenten mit 50.000 Dollar Schulden aus dem Studium kommen, ohne Perspektive“.

          In Wut vereint

          Mitte der Woche ist das Wetter umgeschlagen, es ist kühl und regnerisch. Waren am Vortag noch mehrere hundert Personen einem Aufruf gefolgt, gemeinsam nach Uptown zu pilgern und dort vor den Wohnhäusern von Bankenchefs zu protestieren, ist es am Mittwochnachmittag nur noch eine zweistellige Zahl. Heute wollen sie vors Haus von Jamie Dimon ziehen, dem CEO der Bank JPMorgan Chase & Co. Jedem Passanten, der nicht wegguckt, wird ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem dazu aufgerufen wird, Dimon anzurufen, seine Telefonnummer steht dabei: „Sag ihm, er soll seinen fairen Beitrag an Steuern zahlen“, steht da und dass er für 2012 eine Steuerermäßigung von 436.000 Dollar erhält.

          Nicht nur der Wall-Street-Bulle ist wütend, wird aber von der Polizei geschützt.

          Der Zuccotti-Platz ist an diesem Tag zur Hälfte unter blauen Plastikplanen verschwunden, unter denen sich einige Demonstranten zum Schlafen hingelegt haben. Richtige Zelte sind nicht gestattet, da die Stangen als Waffen benutzt werden könnten. Reporter halten den Protestlern Mikrofone vors Gesicht. „Seit wann bist du hier?“ - „Was wollt ihr genau?“ - „Was hat dich hierhergebracht?“ Immer dieselben Fragen. Vor einer Gruppe junger Leute, die es sich neben einem Che-Guevara-Plakat auf einem Sofa bequem gemacht hat, klebt ein Schild auf dem Boden: „Hört auf, Fotos zu machen und uns Fragen zu stellen.“ Besonders oft werden an diesem Tag zwei Jungen fotografiert, auf deren Plakat steht: „We bailed you out, now it’s our turn“. (Wir haben euch Banken gerettet, jetzt sind wir dran.) Sie sind höchstens vierzehn Jahre alt.

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