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„Occupy Wall Street“ : Zeigt uns, wie Demokratie aussieht!

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Was auf den ersten Blick chaotisch wirkt, stellt sich als perfekt organisiert heraus. Es ist ein richtiges Dorf entstanden, mit festen Schlafplätzen, einer Küche, die täglich bis zu zweitausend warme Essen ausgeben kann, einem Infozentrum, einer Internetzentrale, in der Tag und Nacht junge Menschen vor Bildschirmen sitzen und alles, was passiert, live dem Rest der Welt mitteilen. Es gibt einen Friseur, der umsonst rasiert, eine Anlaufstelle für Journalisten, an der auch die selbst produzierte Zeitung, „The Occupied Wall Street Journal“, verteilt wird, und Arbeitsgruppen für Rechtsberatung oder Reinigung. Nur Sanitäranlagen gibt es nicht. Die Lokalteile der Zeitungen sind voll mit Berichten über entnervte Anwohner, die sich über Gestank, Dreck und nächtliche Ruhestörung beklagen.

Prominente Besucher

Jeden Abend findet eine Generalversammlung statt, „G.A.“ genannt, kurz für „General Assembly“. Das Benutzen von Verstärkern ist verboten, es geht aber auch ohne Mikrofon: Der Redner sagt einen halben Satz, die Umstehenden wiederholen ihn nach hinten gewandt, noch weiter hinten Stehende wiederholen ihn ein weiteres Mal, dann spricht der Redner den nächsten halben Satz, der wieder vom Kollektiv wiederholt wird und so weiter. „People’s mic“ nennen sie, was an einen griechischen Chor oder einen Gottesdienst erinnert, tatsächlich sehr effizient ist und den schönen Nebeneffekt hat, dass die Redner sich in der Regel kurz fassen. Bisweilen entsteht eine gewisse Komik, wenn etwa eine Frau das Wort ergreift und sagt: „Hi, I’m Mary“. Und die Umstehenden wiederholen: „Hi, I’m Mary“, „Hi, I’m Mary“.

Die „Occupy Wall Street“-Bewegung, kurz OWS, wurde anfangs von den amerikanischen Leitmedien belächelt, doch mittlerweile berichten sie täglich über sie, und, wie es scheint, nicht ohne Sympathie. Vermisst wird aber ein Konzept; und die schlichte Weltsicht wird kritisiert: „Eine Gruppe, die die Welt unterteilt in die guten 99 Prozent und das böse eine Prozent, wird (...) nichts dazu zu sagen haben, wie die Amerikaner überkonsumiert und sich verschuldet haben. Dies sind Probleme, die einen viel breiteren Teil der Gesellschaft betreffen, als nur das eine Spitzenprozent“, hieß es in einem „New York Times“-Kommentar.

Dennoch werden die Parkbesetzer inzwischen von vielen ernst genommen. Zu den Prominenten, die OWS bereits besucht und dort (in der People’s-mic-Methode) gesprochen haben, gehören Michael Moore, Naomi Klein und Slavoj Žižek. Wirtschaftnobelpreisträger Paul Krugman hat sich positiv geäußert - endlich einmal wären Menschen wütend auf die Richtigen. Noam Chomsky sprach von einer „extrem wichtigen Bewegung - was auch immer aus ihr werden wird“. Auch Präsident Obama scheint mittlerweile Notiz genommen zu haben, wenngleich er bei einer Pressekonferenz auf Nachfragen nur sehr vage so etwas wie Verständnis formulierte. Roseanne Barr und Susan Sarandon haben auch schon vorbeigeschaut.

Respektvoller Umgang

Die neue Form des Massenprotests begann in New York im Juni, als ein paar Menschen vor der City Hall campten, um gegen die Sparpolitik von Bürgermeister Bloomberg zu protestieren. Im Juli rief dann das kanadische Magazin „Adbusters“ dazu auf, am 17. September die Wall Street zu besetzen. 20000 Leute wollten sie dort sehen, Ziel sei es, dass Obama eine Kommission einsetze, die untersuchen solle, welchen Einfluss Geld auf die Abgeordneten in Washington habe. Es kamen tausend. Ihr Ziel ist nicht mehr ganz so konkret, aber dafür sind sie seitdem hier. Und spätestens seit am 1. Oktober an die 700 Personen bei einem Protestmarsch über die Brooklyn Bridge festgenommen wurden, kennt sie die ganze Welt.

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