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Geschichte der Gärtnerinnen : Blühende Gendersternchen

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Rose in einem Garten in Kaufbeuren Bild: Picture-Alliance

Es dauerte bis zum Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts, dass der Garten öffentlich von Frauen bestellt wurde. Über den Obst- und Gartenbau als Vehikel weiblicher Emanzipation.

          Gärtnern macht allen Freude. Frauen, Männern und seit kurzem auch dem diversen Geschlecht. Dennoch gaben über Jahrhunderte Gärtner den Ton an. Gärtnerinnen waren Gegenstand des Spottes oder gar der Aggression, auch wenn sie oft bestens über Heilkräuter und Küchengemüse Bescheid wussten. Hildegard von Bingen besaß im 12. Jahrhundert ein enzyklopädisches Wissen um die kurative Kraft von Pflanzen; doch der Meisterin vom Rupertsberg nutzten ihre botanischen Kenntnisse nichts, um als Frau in ihrer Zeit wirkmächtig zu werden, sondern allein ihre mystische Prophetie.

          Erst Maria Sibylla Merian machte sich an der Wende vom siebzehnten zum achtzehnten Jahrhundert frei von den patriarchalischen Konventionen ihrer Zeit. Die passionierte Botanikerin und begabte Malerin verschrieb sich der exakten Betrachtung der Natur. Ihren Mann ließ sie nach zwanzig Ehejahren sitzen. Zeitgenossen rieten ihr, sie solle sich die Weibertugenden hinter die Ohren schreiben, statt Raupen, Maden und Würmer zu sammeln.

          Es dauerte bis zum Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts, dass der Garten öffentlich von Frauen bestellt wurde. Bildung und Wissen waren die stärksten Waffen gegen virile Überheblichkeit. Die ersten Schulen für Lady Gardeners gab es, natürlich, in Amerika und England, dann auch in Deutschland und anderen Ländern Europas. Obst- und Gartenbau wurde zum Vehikel weiblicher Emanzipation.

          Rosenduft nach „ungelüfteten Zimmern“

          Es wäre zu einfach, die Hinwendung großer Gärtnerinnen auf anthropologische Konstanten und soziale Konditionierungen zu reduzieren. Die Verantwortung für Kinder und Küche sensibilisierte nicht notwendigerweise für Gartenfragen. Es war vielmehr die konsequente Fortsetzung aufklärerischer Freiheit, die es den Frauen erlaubte, in Park- und Gartenanlagen ihre Ideen ohne Korsett zu verwirklichen und mit Kniebundhosen in produktive Konkurrenz zu den Männern zu treten. Die jugendbewegte Begeisterung für die Natur half, die traditionellen Geschlechterschranken im eigenen Garten zu überwinden und neue Lebensräume zumindest für begüterte Frauen zu öffnen.

          Die gärtnerische Emanzipation war und blieb in Deutschland bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ein bürgerliches Phänomen, wie das Beispiel der Hamburger Lehrerin Alma de l’Aigle zeigt. Die Tochter eines Juristen versuchte, die Rosendüfte zwischen zwei Buchdeckeln einzufangen und ein Duftvokabular zu entwickeln. Auf mehr als dreihundert Seiten beschrieb sie 700 der schönsten und bekanntesten Rosen ihrer Zeit.

          Tulpe, Myrtenzweige und Schnecken auf einem Aquarell Maria Sibylla Merians aus den 1670er Jahren

          Die Begegnung mit Rosen wurde zum emanzipatorischen Akt. Gegen das erdrückende Übergewicht chauvinistischer Traditionen erschloss sich die frauenbewegte und sozial engagierte Schriftstellerin eine eigene Gartenwelt und bildete sich zur Rosenexpertin fort. Sie schuf mit ihrer Klassifizierung der Düfte etwas Eigenes, doch blieb sie den Konventionen ihrer Zeit verhaftet. So riechen ihre Rosen nach „besonnter Mädchenhaut“ und „ungelüfteten Zimmern“.

          Zur Überwindung von exklusiven Gendergrenzen trugen vor allem intellektuelle Frauen bei, die im vorigen Jahrhundert den Garten als historischen und kunstgeschichtlichen Gegenstand entdeckten, der an den männlich dominierten Universitäten ignoriert wurde. Marie Luise Gothein, eine Heidelberger Professorengattin, erschloss mit ihrer zweibändigen „Geschichte der Gartenkunst“ am Vorabend des Ersten Weltkrieges Neuland: Sie demonstrierte, dass nur profund über die Geschichte der Gartenkunst handeln kann, wer etwas von Literatur und Kunst, Philosophie und Wissenschaft der jeweiligen Epoche versteht. Noch im Alter lernte sie Sanskrit, um über die Gärten Indiens forschen zu können. Marie Luise Gothein war eine Autodidaktin, die in ihrem Meisterwerk, wie Theodor Heuss in seiner Besprechung im „Berliner Tageblatt“ treffend formulierte, den „Weg durch die Geschichte des Gartens“ zu einer „Wanderung durch den Garten der Geschichte“ machte.

          Auch mehr als hundert Jahre nach ihrem Erscheinen ist Gotheins große Erzählung der Ausgangspunkt jeder Beschäftigung mit Gartenkunst, weil hier auf höchst anregende Weise Garten- und Kulturgeschichte miteinander verwoben wurden – zum Zwecke der wissenschaftlichen und gärtnerischen Emanzipation der Frau.

          Max Liebermanns „Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordwesten“ aus dem Jahr 1918

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