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Obdachlosenaktion : Zeltstadt mitten in Paris

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Dicht an dicht am Kanal Saint-Martin: die Zelte der „Enfants de Don Quichotte” Bild: REUTERS

Unter dem Namen „Kinder Don Quichottes“ haben Freiwillige in Paris ein Zeltlager für Obdachlose errichtet. Und in der französischen Vorwahlzeit drehen sich Windmühlenflügel, wo andere Hilfsorganisationen jahrelang in den Wind sprachen.

          Der Ort war wohl nicht zufällig gewählt: Canal Saint-Martin. Ein Manteltuch wurde dort zwar nicht zerschnitten, aber ein Zelttuch aufgespannt, am Rande eines Pariser Schiffskanals, der den Polizeieinsatz von Anfang an zu riskant machte. Vor einem Monat noch war der Versuch, auf der Place de la Concorde ein Zeltlager für Obdachlose zu errichten, misslungen. Ebenso an der Bastille. Am Martinskanal aber trotzten seit Weihnachten rote Zeltreihen wie das Feldlager einer seltsamen Armee.

          Deren Krieger nennen sich „Kinder Don Quichottes“. Es sind eine Handvoll Freiwillige, die über den Jahreswechsel aus der Bedeutungslosigkeit in die Schlagzeilen vorgestoßen sind und nun gesiegt haben: Sofort wurde das Lager wieder geräumt. Doch der Großmut des römischen Legionsoffiziers Martin und der naive Witz des spanischen Rittersmanns Don Quichotte waren gleichermaßen nötig, um die radikale Kernforderung der „Enfants de Don Quichotte“ nach einem festen Dach für jeden Obdachlosen und die soziale Wirklichkeit zusammenzubringen.

          Niemand soll mehr wegschauen können

          Ein festes Dach? Nur das nicht, hieß es in jenen Jahren, als das Obdachlosendasein der Clochards noch als freie Wahl verklärt wurde. Mein Heim sollte auf keinen Fall meine Burg sein, sondern dünn wie die eigene Haut oder allenfalls wie eine Zeltwand am Strand. Wenn nun die Forderung von Don Quichottes Kindern Gehör fand, bedeutet das nicht, dass Zeltwände zu Hausmauern werden. Das war das Anliegen einer anderen Pariser Solidaritätsorganisation gewesen, die vor einem Jahr Zelte verteilte, um den Obdachlosen wenigstens ein bisschen Häuslichkeit und Intimität zu verschaffen. Für die Kinder Don Quichottes können die Wände hingegen nicht dünn genug sein - am besten wären sie durchsichtig, damit kein Bürger mehr wegschauen kann. Die Zeltwand ist für sie ein Banner, und der politische Akt dieser Bannerbewohner wurde von den Politikern auch als solcher verstanden.

          Unübersehbar: die roten Zeltreihen

          Der zuständige Minister will nun zusätzliche Ganztagesheimplätze schaffen, und noch in den nächsten Wochen soll die Regierung auf Wunsch von Präsident Chirac ein vor Gericht einklagbares Recht für jeden auf eine feste Unterkunft vorbereiten. Windmühlenflügel beginnen sich in der Vorwahlzeit plötzlich zu drehen, wo andere Hilfsorganisationen jahrelang in den Wind sprachen. Und ein Einunddreißigjähriger namens Augustin Legrand, seines Zeichens Gelegenheitsschauspieler, trat als Wortführer der „Enfants de Don Quichotte“ in die Fußspuren des Abbé Pierre.

          Ein Staat sei nicht gegründet, solange er Einzelelend zulasse, zitieren die Don-Quichotte-Leute auf ihrer Internetseite Charles Péguy. Mit der Vision eines Sozialstaats, der seinen Versagern per Haar- und Bartrasur aus der Klemme helfen will, hat das nichts mehr zu tun.

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