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Nach dem Mord an Boris Nemzow : Propaganda auf Moskauer Art

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Trauer am Tatort: Seit der Ermordung von Boris Nemzow am 27. Februar 2015 wird seiner mit Blumen, Kerzen und Bildern gedacht. Bild: AP

Sie war die Freundin des russischen Oppositionellen Boris Nemzow und ging neben ihm, als er im Februar 2015 nahe dem Kreml ermordet wurde. Russische Medien wie der Sender NTW setzen Anna Durizkaja nach, auf unfassbare Weise.

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          Beinahe wäre Anna Durizkaja die Rückkehr in ein normales Leben gelungen, und sie hätte Abstand gewonnen von dem Mord, seit dem sie eigentlich immer auf der Flucht ist. Dreieinhalb Jahre kämpfte sie sich zurück aus der Depression. Damals, 2015, machten die tödlichen Kugeln auf ihren Lebensgefährten, den Kreml-Kritiker Boris Nemzow, aus dem fröhlichen, 23 Jahre alten Mädchen eine verängstigte, zurückgezogene Frau. Ein Film im russischen Fernsehen brachte den Schrecken zurück. „Diese Leute nennen sich Journalisten“, sagt sie. „Aber sie sind Betrüger. Sie haben mich übel hereingelegt.“

          Anna Durizkaja war die letzte Frau an der Seite des früheren Vize-Premierministers Nemzow, der zum Intimfeind Putins wurde und die Opposition gegen ihn anführte. Sie ging neben Nemzow am Abend des 27. Februar 2015, als Saur Dadajew, ein Angehöriger der Truppen des russischen Innenministeriums, auf der Steinbrücke am Moskauer Kreml auf das Paar zulief und die tödlichen Schüsse abfeuerte. Sie sah den Täter nicht, dachte zuerst, Nemzow sei gestolpert, als er neben ihr zu Boden stürzte. „Ich frage mich bis heute, ob es ein Versehen war, dass ich nicht mit erschossen wurde und noch am Leben bin“, sagt sie.

          Anna Durizkaja hatte sich vorgenommen, über ihre private Verbindung zu Nemzow zu schweigen – aus Achtung vor dem Ermordeten. Sie ging den Medien aus dem Weg, obwohl ihr viel Geld für ein Interview geboten wurde, und obwohl ihr Journalisten vor ihrer Kiewer Wohnung auflauerten.

          Russische Medien sprachen von einer „ukrainischen Spur“

          Nach dem Verbrechen hatten zwei russische Sicherheitsbeamte in Zivil sie direkt vom Tatort auf eine Polizeistation mitgenommen. „Ich musste unterschreiben, dass ich nichts über das sagen werde, was dort passierte“, sagt sie. Russische Medien sprachen schon von einer „ukrainischen Spur“: Anna Durizkaja sei eine Kiewer Agentin und Mittäterin, Kiew habe mit dem Mord an Putins Feind den Präsidenten diskreditieren wollen.

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          Vertraute und Freunde Nemzows, die sie kannten, schüttelten über solche Gerüchte den Kopf. Sich Durizkaja, die gerade eine Ausbildung als Buchhalterin gemacht hatte, als Agentin oder gar Verschwörerin vorzustellen, sei absurd. Anna sei aufgelöst gewesen, erinnert sich ein Vertrauter Nemzows. Die Beamten hätten sie verhört und eingeschüchtert. Einen Tag nach dem Mord durfte sie die Polizeistation verlassen. Sie fand Unterschlupf bei einer Mitarbeiterin Nemzows. Zwei Polizisten mit Kalaschnikows und schusssicheren Westen bezogen vor der Wohnungstür Stellung. Tagelang durfte sie nicht nach Hause in die Ukraine ausreisen. Aus Angst vor der Presse traute sie sich nicht zur Beerdigung Nemzows. Nach einigen Tagen ließen die russischen Behörden sie fahren. Anna Durizkaja begann ein Psychologiestudium, um sich selbst zu helfen. Sie machte bei einem Schönheitswettbewerb mit, errang den dritten Platz. Ein Journalist kam auf sie zu, der sich als Mitarbeiter eines ukrainischen Fernsehsenders vorstellte. Er wollte sie befragen, wie sie sich vorbereitet habe, wie sie sich schminke und fit halte.

          Doch als die Kamera lief, fragte er nach Nemzow. Sie hatte ihm gesagt, sie wolle sich nicht dazu äußern, ließ sich aber einige Sätze entlocken. Später habe sie den Reporter am Telefon angefleht, das Material nicht zu verwenden. Doch dann landete es, statt bei dem ukrainischen Sender, bei dem Moskauer Kanal NTW, der zur Gazprom Media Holding gehört.

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