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Nach dem Mord an Boris Nemzow : Propaganda auf Moskauer Art

  • -Aktualisiert am
Anna Durizkaja und Boris Nemzow

NTW machte daraus im vergangenen Herbst einen Reißer mit dem Titel „Nemzow. Die erste Beichte der letzten Geliebten“. Durizkaja wird darin als Prostituierte, Lügnerin und Agentin des ukrainischen Geheimdienstes dargestellt, die in die Ermordung ihres Lebensgefährten verwickelt sei. Vor Durizkajas Antworten werden andere Fragen plaziert. Vor der Beschreibung ihres Traummannes erklingt im Film die Frage: „Wie war Boris?“ „War es Liebe?“, fragt dann der Moderator, „oder nichts Persönliches, nur Business, im Auftrag des SBU (des ukrainischen Geheimdienstes)“? Darauf folgt Durizkajas Bemerkung: „Sie stellen so viele Fragen, mir wird unwohl.“ Der Moderator kommentiert grimmig: „Sie weicht der Frage nach ihrer Rolle beim Mord aus.“ Nun erklingt ihre Replik: „Sie können fragen, ich werde nicht antworten!“ Der Schnitt suggeriert, dass sie auf die Frage nach dem Tod ihres Lebensgefährten mit einem Lächeln reagiert.

Der Film wurde auch in Kiew Stadtgespräch. In Moskau glauben Freunde von Nemzow, Durizkaja habe gegen ein Honorar ihren toten Lebensgefährten und seine Ideale verraten. Die Propagandisten von NTW gehen über Schmerzgrenzen und das Vorstellungsvermögen vieler Menschen in demokratischen Gesellschaften hinaus. So behauptet der Moderator, die „ukrainische Verführerin“ habe den russischen Oppositionellen in den Tod geführt. Dafür, dass die Killer sie am Leben ließen, macht er den ukrainischen Geheimdienst verantwortlich. In der Sendung heißt es, Durizkaja sei ein Escort-Girl gewesen, ein Abend mit ihr habe 10.000 bis 15.000 Dollar gekostet, und Nemzow sei für sie von Anfang an ein interessantes Business-Objekt gewesen.

„Ich bin kein Escort-Girl und war nie eines“

Eine angebliche Profilerin „analysiert“ dann Aufnahmen von Durizkaja, kommentiert die Gesten ihrer Augen, Hände und des Kopfes. „Solche Menschen denken nur an sich und ihren Vorteil,“ lautet ihr Verdikt. Ein Ex-Kriminalbeamter befindet: „Sie verdreht die Augen, schaut hoch, pausiert, bevor sie antwortet. Bei der Kripo nennen wir das ,Lügenpausen’.“ Ein Jurist urteilt: „Anna Durizkaja ist nicht die Person, für die sie sich ausgibt“. Und als sie im Film eine Textnachricht in ihr Telefon tippt, räsoniert der Moderator: „Mit ihren Fingern führt sie jemandes Kommandos aus. Wer ist dieser geheimnisvolle Gesprächspartner, der jeden ihrer Atemzüge kontrolliert?“

Anna Durizkaja kämpft mit den Tränen, wenn sie über den Film spricht. „Ich bin kein Escort-Girl und war nie eines“, sagt sie. Zuerst wollte sie den Sender NTW verklagen. Doch ein Anwalt riet ihr davon ab: In Russland habe sie keine Chance, weil die Gerichte von oben gesteuert seien. In der Ukraine gebe es keine rechtliche Handhabe, weil der Sender in Moskau sitze. Der Journalist, der sie interviewte, beteuerte ihr gegenüber, er sei selbst Opfer eines Betrugs geworden. Der Kameramann, den er über eine Anzeige gefunden habe, sei verschwunden und habe das Filmmaterial ohne sein Wissen nach Moskau verkauft. Zur der hier beschriebenen manipulativen Bearbeitung des Filmmaterials hat der Sender NTW auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

Der Mörder Nemzows wurde im Juli 2017 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, vier Mitangeklagte bekamen elf bis neunzehn Jahre. Alle fünf bestreiten ihre Schuld. Nemzows Freunde beklagen, die Behörden hätten nicht ernsthaft nach den Drahtziehern geforscht. Sie verdächtigen den autoritären Präsidenten Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow, einen engen Gefolgsmann Putins, oder jemanden aus dessen Umfeld. Die russische Justiz weigerte sich, Kadyrow als Zeugen zu vernehmen. Nemzow hatte schon Monate vor seiner Ermordung die Furcht geäußert, umgebracht zu werden, weil er Präsident Putin in einem Fernsehinterview in der Ukraine unter der Gürtellinie beleidigt hatte. Am Tatort in Moskau bringen Anhänger des Ermordeten noch immer Blumen und Gedenkschriften an. Regelmäßig lässt die Stadtverwaltung dieses sogenannte „Volksdenkmal“ beseitigen, und regelmäßig bauen Nemzows Anhänger es wieder auf.

Anna Durizkaja macht eine Psychotherapie. Sie will wieder als Modell arbeiten, hat ein eigenes kleines Mode-Atelier eröffnet und will ihr Psychologie-Studium bald abschließen. Schon jetzt organisiert sie Treffen von jungen Frauen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, um damit fertig zu werden.

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