https://www.faz.net/-gqz-7w81a

NRW verkauft Warhol : Wo sollen all die Millionen hin?

In der kommenden Nacht lässt Nordrhein-Westfalen zwei Warhol-Werke bei Christie’s in New York versteigern. Und Warhol ist wohl erst der Anfang.

          3 Min.

          Noch mal zurück auf Los, im Fall von „Triple Elvis“ und „Four Marlons“. Schon fast vergessen scheint, dass die beiden Warhol-Bilder, die mit dem Geld der Steuerzahler Nordrhein-Westfalens in den siebziger Jahren für die Ausstattung des Spielcasinos in Aachen erworben wurden, an diesem Mittwoch in New York versteigert werden sollen, um - so hieß es tatsächlich - dem in die Miesen geratenen, staatlich observierten Geschäft mit dem Glücksspiel aufzuhelfen. Das allein ist schon grotesk genug. Wie um von dieser anvisierten Verwendung abzulenken, sprach der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans im Haushalts- und Finanzausschuss des Landes ganz prinzipiell: „Ein Kunstwerk hat einen Wert, wenn es zu veräußern ist. Wenn ausgeschlossen wird, es zu veräußern, hat es auch keinen Preis.“ Wer das nicht als Ökonom vernimmt, dem klingt es wie Dadaismus. Der erste Satz lautet in simpler Umkehrung: Was als Kunstwerk nicht verkauft werden kann, ist wertlose Kunst. Der zweite Satz ist schiere Tautologie: Kunst ist wertlos, wenn sie nicht verkauft werden kann.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          In dieser unverblümten Schärfe hatte man das noch nicht vernommen. Dabei ist nicht Zynismus zu unterstellen, und es geht um Kunstwerke im, wie auch immer in einer GmbH ausgegliederten, öffentlichen Eigentum. Deshalb liegt hier - und das ist nicht Dadaismus, sondern böses Omen - die Aufkündigung jener stillen Übereinkunft, die bisher in einer europäischen Kulturnation galt, vor, durch den Finanzminister eines deutschen Bundeslandes. Wer so spricht, räumt grundsätzlich auf mit Werten, die sich nicht unmittelbar in Geld umsetzen lassen (und je ließen), wie es genuine Eigenart von Kunstwerken nun einmal ist. Und wer so spricht, schließt sich einer Logik an, mit der sich alles verscherbeln lässt, wenn’s denn beliebt. Der globale Kunstmarkt - sonst ja gern und gern kenntnisfrei als Reich des Bösen geziehen - ist grade recht. Nordrhein-Westfalen tritt als gewiefter Spekulant auf: Wo doch Warhols Hauptwerke so schön teuer sind, hauen wir sie raus! Und das wird bemäntelt mit der Sorge ums Gemeinwohl. Arbeitsplätze in den Zockerbuden heißt das Zauberwort.

          „Einfach unanständig“

          Aber da bleibt ein Unbehagen, das zum Anfang des Skandals zurückführt. Wie hoch sind die Verluste der Westspiel überhaupt, dass diesem gesellschaftlich obsoleten Unglücksunternehmen so massiv unter die Arme gegriffen werden muss? Braucht die Westspiel wirklich die für die zwei Warhols (erwarteten) achtzig Millionen Euro, um wieder in die Hufe zu kommen? Der in Sachen Ökonomie unbedarfte Blick liest in der Bilanz der Westdeutsche Spielbanken GmbH &Co. KG für das Jahr 2012 einen Verlust von 7,9 Millionen Euro; die Bilanz für 2013 ist noch nicht veröffentlicht, vermutlich ist das Minus gewachsen. Aber sollen zur Deckung eines solchen Defizits ernsthaft international bedeutende, in Deutschland bewahrte Kulturgüter abgestoßen werden? Ach, wer denkt dabei noch an einen Unterschied zwischen Wert und Preis.

          Der Preis ist heiß allerdings für die nordrhein-westfälische Landesregierung: Sie hat für das laufende Jahr 2014 einen Nachtragshaushalt beschlossen mit einer Nettokreditaufnahme von 3,2 Milliarden Euro (F.A.Z. vom 3. September); die Nettoneuverschuldung für 2014 erhöht sich um rund 800 Millionen Euro. Sind es womöglich solche Summen, die im Hintergrund wirken? Kaum kann die New Yorker Auktion von einem auf den andern Tag beschlossen worden sein - und auch nicht als ein Nachtritt von Lothar Dunkel, dem Geschäftsführer der Westspiel. Obwohl zunächst niemand in der Landesregierung zuständig sein wollte, schon gar nicht der jetzt so entscheidungsstarke Finanzminister (F.A.Z. vom 16. Oktober). Der Verdacht bleibt nicht aus, dass unter dem Vorwand der Erhaltung von Spielhöllen die Sanierung des Landeshaushalts in Angriff genommen werden soll - durch Kunst, die für ihren Wertzuwachs nichts kann.

          Was die Staatministerin für Kultur, Monika Grütters, in Sachen der Warhol-Verkäufe „einfach unanständig“ nennt, droht eine stillschweigende Verabredung zu brechen. Nämlich die, dass in Deutschland Kulturgüter aus Staats- oder Landesbesitz nicht veräußert werden. Tatsächlich hatte auch niemand bisher daran gedacht. Das ändert sich jetzt radikal. Wenn in Nordrhein-Westfalen mit Begriffen wie „direkter“ und „indirekter“ Landesbesitz jongliert wird, lässt das Schlimmes befürchten für die Kunstwerke in diesem Land. Denn was sich derzeit vollzieht, ist die noch nicht gesehene Affinität einer rot-grünen Regierung in einem Bundesland, das bis gestern als außerordentlich kunstfreundlich galt, zum rabiaten Marktliberalismus. Anders gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Nicht nur kennte man endlich den wirklichen Zweck gern. Der Ausverkauf, der heute Abend in New York beginnen soll, muss umgehend gestoppt werden.

          Weitere Themen

          Der Unterschätzte

          FAZ Plus Artikel: Armin Laschet : Der Unterschätzte

          Armin Laschet musste in seinem Leben schon oft um Posten kämpfen. Niederlagen haben ihn nie davon abgehalten, es immer wieder zu versuchen. Nun hat er die Kanzlerkandidatur der Union für sich entschieden.

          Topmeldungen

          Juve-Boss Andrea Agnelli: Einer der Initiatoren und Befürworter der Super League

          Juve-Präsident Andrea Agnelli : „Verräter, wie Judas“

          Juventus-Präsident Agnelli war einer der Initiatoren der Super League. In Italien wird er heftig angefeindet – und hat sogar Ärger mit dem berühmten Taufpaten eines seiner Kinder. Nun wird bekannt: Das Projekt wird verworfen.
          Szene im Bundesverfassungsgericht

          Corona-Wiederaufbaufonds : Warnschuss aus Karlsruhe

          Im Beschluss zum Corona-Wiederaufbaufonds werden die Zweifel des Bundesverfassungsgerichts mehr als deutlich. Als souveräner Staat ist Deutschland offen für Europa – die eigene Staatlichkeit darf aber nicht schleichend ausgehöhlt werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.