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Warhol-Versteigerung : Fort mit dem Nutzen

Die Warhol-Versteigerung des Landes Nordrhein-Westfalen erhitzt die Gemüter. Warum aber gibt es überhaupt staatlich finanzierte Kultur und nicht nur den Kunstmarkt?

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          Nein, die Welt geht nicht unter, nur weil Nordrhein-Westfalen zwei Bilder weniger hat. Das Achselzucken darüber, dass morgen Werke Andy Warhols aus dem Besitz Nordrhein-Westfalens in New York versteigert werden, weil ein marodes staatliches Spielcasino Geld braucht, kann darauf verweisen. Die meisten der Bürger, denen die Bilder gehören, haben weder von deren Existenz noch von ihrem Eigentum gewusst. Jahrelang waren die Bilder auch gar nicht zu sehen. Wer sich mit originaler Pop-Art beschäftigen will, ist an Rhein und Ruhr außerdem nicht unterversorgt.

          Was also liegt daran, wenn die rotgrüne Landesregierung „Fort mit Nutzen!“ ruft? Die einfachste Argumentation in dieser Frage ist die marktliberale. Aber ist sie auch schlüssig? Sie beginnt mit dem Zweifel am Sinn staatlicher Museen. Kunst ist kein klassisches öffentliches Gut, das vom Staat zu liefern wäre, weil es vom Markt gar nicht hervorgebracht würde. Man kann Konsumenten ganz leicht von ihrer Betrachtung ausschließen und insofern Eigentumsrechte an Kunst problemlos durchsetzen. Und sie ist kein Gemeingut, das - wie der Klimaschutz, die Straßenbeleuchtung oder der öffentliche Friede - keine zusätzlichen Kosten bei zusätzlicher Nutzung hat.

          Eine respektable Minderheit

          Warum also sollten die einen Bürger dafür bezahlen, dass die anderen Bürger gern am Samstag ins Museum gehen? Wer von den Warhols erst durch den Streit über ihren Verkauf erfahren hat, mag an dieser Stelle zu Unverständnis neigen. Worin läge der allgemeine Nutzen von etwas, das nur eine Minderheit nutzt? (Eine respektable Minderheit immerhin: Knapp 113 Millionen Besuche in deutschen Häusern zählte das Institut für Museumsforschung für das Jahr 2012).

          Eine Gegenfrage: Welches Interesse hat denn der Bürger, der von der verkrachten staatlichen Spielbank erst durch den Bilderstreit erfahren hat, an deren Existenz? Würde in Nordrhein-Westfalen darüber abgestimmt - die Grünen sind doch für mehr direkte Demokratie oder nur, wenn sie nicht in der Regierung sind? -, ob man lieber alle Spielbanken oder lieber alle Museen privatisieren soll, was wäre wohl das Ergebnis?

          Damit sind wir auch schon beim Haken einer vulgärökonomischen Betrachtung. Die Bürger sind nicht nur Konsumenten, sondern auch Wähler. Der homo politicus entscheidet oft anders als der homo oeconomicus. Das liegt an verschiedenen Entscheidungsumständen. Beim Einkaufen - etwa der für sie optimalen Menge an modernen Siebdrucken - tragen die Bürger die Kosten ihrer Entscheidung allein: Wer sein Geld für Warhols ausgibt, hat es nicht mehr für anderes. Demgegenüber bringt man niemals durch die eigene Stimmabgabe das Wahlergebnis hervor, sondern trägt nur kaum messbar zu ihm bei. Anders formuliert: Geld kann man für viele Dinge ausgeben, die man dann auch bekommt. Mit der politischen Stimme hingegen lässt sich nicht viel anderes anfangen, als eine Meinung auszudrücken.

          Erlauben, was wir wollen

          Daraus könnte man folgern, dass die Bürger politisch weniger durchdacht entscheiden, weil sie ja die Folgen ihrer Wahl nicht unmittelbar zu tragen haben. Daraus kann man aber auch folgern, dass in der Politik Präferenzen zum Ausdruck kommen können, die am Markt nie geäußert würden. Was wäre gut, auch wenn ich persönlich es gar nicht brauche? Was wäre gut, obwohl ich heute nicht weiß, ob ich es einmal brauche? Was sollte gelten, obwohl ich - der ich kein lebendiger Kantianer bin - es vielleicht gar nicht täte, wenn kollektiv nicht bindend so entschieden worden wäre? Es sind solche Fragen, die ins politische Nachdenken eingehen. (Wer das erst glaubt, wenn es ihm „neoliberale“ Ökonomen aus der beinharten Public-Choice-Schule erzählen, der lese „Democracy and Decision“ von Geoffrey Brennan und Loren Lomasky.)

          Was folgt daraus für die Kunst und die Museen? Dasselbe, was John Stuart Mill für die Schulbildung formuliert hat: dass allererst sie uns erlaubt herauszufinden, was wir wollen. Dass sie Teil unserer Selbsterziehung ist. Dass wir einen Teil von ihr, der Bildung und der Kultur, eben darum dem Markt entziehen, weil wir nicht wollen, dass ihr Umfang und ihre Art unmittelbar von der Kassen- oder der Casinolage abhängen. Und weil wir ahnen, dass die Verführung, das scheinbar Unnütze einzutauschen, unwiderstehlich groß ist. Ein Staat, der seinen Museen untersagt, mit ihren Bildbeständen zu handeln, geht eine Selbstbindung ein. Würde sie gelöst, gäbe es tatsächlich keine Legitimation staatlicher Museen mehr. Schon richtig, die Welt geht nicht unter, wenn zwei Bilder verkauft werden. Aber eine Politik, die nicht davor zurückscheut, weil ein Casino gerettet werden soll, macht deutlich, welcher Gesinnung sie ist. Und wir wissen auch, was das Wort „Präzedenzfall“ bedeutet.

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