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Proteste gegen Regierung : Die Idee Indiens ist in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Protestierende in der indischen Hafenstadt Mangaluru Bild: AFP

Zwei Regierungsmaßnahmen sorgen in Indien derzeit für breite Proteste. Die Bevölkerung hat Angst vor einer Verwässerung der Verfassung. Betroffen sind vor allem Muslime. Die Solidarisierung mit ihnen nimmt zu.

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          Gern spricht man in intellektuellen Kreisen von der „Idee Indiens“, von einem Charisma nämlich, das dieser alten Kultur innewohne, das sehr eigen und gerade deshalb für die Weltgemeinde notwendig sei. Die bedeutenden Persönlichkeiten Indiens im letzten Jahrhundert – Mahatma Gandhi, Swami Vivekananda, Rabindranath Tagore, Aurobindo Ghose, S. Radhakrishnan und andere – waren davon überzeugt, dass Indien aufgrund dieser Eigenart eine besondere Aufgabe in der Welt zuwachse.

          Wie wäre diese Eigenart zu definieren? Sie entsteht aus einer positiven Haltung gegenüber der historisch gegebenen Pluralität des Landes: seiner Geographie, Bevölkerung, Flora und Fauna. Diese überwältigende Vielfalt wird nicht als Last empfunden, sondern als einzigartige naturgegebene Aufgabe, die Indien seit Jahrhunderten gemeistert habe und dem Ausland als Meisterleistung hinhalten könne: „Bitte, macht es uns nach!“

          Um die Devise „Einheit in der Vielfalt“ in ein postmodernes, von Realpolitik und Zynismus vergiftetes Zeitalter hineinzuretten, bedarf es eines kräftigen Schusses Idealismus, mit dem aber, so postuliert die „Idee Indiens“, diese Bevölkerung besonders begabt sei. Ihr Idealismus habe die immensen historischen Hindernisse überwinden können und sie überlebt – die jahrhundertelange Herrschaft der Moguln, die Kolonisierung durch die Briten und den Ansturm europäischer Bildung sowie westlicher Wissenschaft und Modernität. Die Vielfalt der indischen Kultur habe sich trotz solcher nivellierender Einflüsse behauptet.

          Laut Verfassung ein säkularer Staat

          Die größte Herausforderung war in der jüngsten Geschichte die Integration der muslimischen Bevölkerung, die als Folge muslimischer Eroberer seit dem zwölften Jahrhundert entstanden ist. Sie scheiterte im Jahr 1947, als Indien von den Kolonialherren unabhängig und der Subkontinent geteilt wurde in die Staaten Indien und Pakistan (später entstand aus Ost-Pakistan das Land Bangladesch). Das mehrheitlich muslimische Pakistan steht seitdem dem mehrheitlich hinduistischen Indien verfeindet gegenüber. Dennoch besitzt Indien mit rund 200 Millionen eine muslimische Bevölkerung, die der pakistanischen mit deren rund 212 Millionen zahlenmäßig wenig nachsteht. Die Herausforderung der Integration geht darum unter erschwerten Bedingungen weiter.

          Proteste in Mangaluru am 15. Januar 2020

          Der gegenwärtigen indischen Regierung, die mit großer Stimmenmehrheit von der konservativ-hinduistischen Bharatiya-Janata-Partei angeführt wird, wirft man vor, sie wolle Indien in ein „Hindu-Reich“ umwandeln, will heißen: die muslimische Minderheit mitsamt anderen religiösen Minderheiten an Einfluss und wirtschaftlichem Fortschritt hindern. Allerdings betont die Regierung unermüdlich, sie richte sich nach der Verfassung der indischen Republik. Diese legt klar fest, dass der Staat säkular sein muss. Alle Inder sind ohne Rücksicht auf ihre Religionszugehörigkeit als Staatsbürger gleich zu behandeln.

          Identifizierung illegaler Wirtschaftsflüchtlinge

          Die Regierung hat aber vor rund zwei Monaten Maßnahmen ergriffen, die das Land bis heute in Aufruhr versetzen. Man sieht das Gleichheitsprinzip in Gefahr. Die eine Maßnahme verlangt, dass die Bürger des Bundesstaates Assam, der an Bangladesch angrenzt, durch Dokumente nachweisen, dass sie und ihre Eltern auf heutigem indischen Staatsgebiet geboren wurden, dass sie Land besitzen und einiges mehr. Viele arme, meist analphabetische Familien haben aber gar keine Papiere und können sich somit nicht als Inder registrieren lassen.

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