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Nordkorea : Eine Girlband für Kim Jong-un

Popmusik in offizieller Mission: Moranbong bei einer ihrer Shows in Pjöngjang 2016 Bild: Imago

Der nordkoreanische Diktator hält zwar an der Machtpolitik seiner Vorväter fest, setzt aber neue ästhetische Akzente: im Pop. Exklusiver Vorab-Auszug aus dem Buch „Der Spieler. Wie Kim Jong-un die Welt in Atem hält“.

          Manche stellen sich unter Nordkoreanern allen Ernstes roboterhafte Wesen ohne echte Gefühle vor, was natürlich absurd ist. Der Alltag der Menschen setzt sich aus ähnlichen Zutaten zusammen wie der der Deutschen, Franzosen oder Inder: Schlafen, Arbeiten, Familie, Freunde, Kultur. An den Wochenenden sieht man in Pjöngjang die jungen Familien durch die Parks schlendern, im Alltag stehen die Menschen an den Bushaltestellen oder sind zu Fuß unterwegs. Es wird gefeiert, Musik gehört und gelacht – aber es fällt auch auf, dass viele Menschen mit einem ernsten Gesichtsausdruck unterwegs sind. Ihr Leben ist hart und entbehrungsreich, erst recht in den ländlichen Gebieten. Pjöngjang aber – als Schaufenster des verarmten Landes, wo die Elite und die wachsende Mittelschicht leben – ist bunter als früher. Über große Bildschirme flimmern längst nicht nur Raketenstarts und Diktatorenporträts, sondern auch Popstars. Ist Nordkorea in der kulturellen Globalisierung angekommen?  

          Dandong, China. Soeben habe ich Nordkorea verlassen, mir bleibt noch etwas Zeit in der Grenzstadt, bevor mein Zug nach Peking abfährt. Gerade bringe ich mein Handy wieder in Gang, da spricht mich eine junge Frau an, sie ist vielleicht Anfang 20. Sie trägt einen Kopfhörer und nestelt an ihrem Smartphone herum. Wie es denn „da drüben“ gewesen sei, was ich erlebt hätte, fragt sie mich. Wir wechseln ein paar Sätze. Ich erfahre, dass sie Südkoreanerin ist und dort in der zweitgrößten Stadt lebt, in Busan. Mit einer Reisegruppe sei sie hier, erklärt sie, und interessiere sich sehr für den Norden, der ihr verschlossen bleiben muss. Aber hier in Dandong könne sie Nordkorea näher kommen als an den Beobachtungsposten der Demilitarisierten Zone in ihrem eigenen Land.

          Der Text ist ein bearbeiteter Auszug aus Martin Benninghoffs Buch „Der Spieler. Wie Kim Jong-un die Welt in Atem hält“, das am 24. August 2019 erscheint.

          Das Interesse der Südkoreaner am Norden hat sich gewandelt. Viele Jüngere nehmen den Norden zur Kenntnis, damit hat es sich aber auch. Jene, die mehr wissen wollen, wie die junge Frau, betrachten Nordkorea aus der Distanz. Sie empfinden ein leichtes Gruseln, das ich aus der Kindheit kenne, als ich im kalten Gästeschlafzimmer meiner Großmutter unter einer gefühlt drei Meter dicken Daunendecke versunken war. Der Geruch älterer Kleidung, das Rumpeln der Schiebetür, ein Lichtstrahl kämpfte sich durch ein kleines Loch in den hölzernen Fensterläden. Es war wie der Besuch in einem Land vor meiner Zeit. Nordkorea ist für die Jugend des Südens das Land vor ihrer Zeit. Nach 70 Jahren Trennung existieren die beiden Koreas auf zwei Planeten.

          Nirgendwo sieht man das so gut wie in der populären Musik. Für Nordkoreaner muss die Popmusik aus dem Süden wie eine Nachricht von einem fremden Stern erscheinen, für die südkoreanische Jugend ist es nicht anders, wenn sie sich nordkoreanische Popmusik im Internet anschaut. Etwa die regimetreue Girl-Band Moranbong, die angeblich von Kim Jong-un persönlich unmittelbar nach seinem Amtsantritt zusammengestellt und gegründet worden ist, ein erster Akzent seiner ästhetischen Modernisierung. Die Band verfügt über ein großes Repertoire von patriotischen Volks- und Revolutionsliedern bis hin zur europäischen Klassik von Mozart und Beethoven sowie westliche Popmusik. In Nordkorea ist die Verbindung von Staat und Kultur besonders symbiotisch, der Graben zum Süden ist dabei tief: in Südkorea der weltweit erfolgreiche K-Pop, der für die Individualität der Jugend steht, für ihren Narzissmus und für ein umfassendes Marketing, im Norden die staatlich dirigierte Propagandamusik, die ausschließlich im Dienste des Regimes und der Glorifizierung der Kim-Dynastie steht. Hier zählt das Kollektiv, nicht der Einzelne.

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