https://www.faz.net/-gqz-8wnbc

Nivea und Pepsi in der Kritik : Kendall, errette uns vor dem Bösen

  • -Aktualisiert am

Als Modeikone auf Instagram ein Star, als Symbolträgerin verhöhnt: Model Kendall Jenner. Bild: Picture-Alliance

Schon der kleinste Fauxpas kann im Netz zum Staatsstreich ausgebeult werden: Wenn Reality-TV-Sternchen Kendall Jenner für Pepsi Friedenstaube spielt und Nivea erklärt, Weiß sei „Reinheit“, schlägt das Internet zurück – und die Konzerne knicken ein.

          Werbung, so lehrt uns Don Draper in der Serie „Mad Men“, ist Emotion. Softgetränke sollen nicht mehr nur nach Zucker, sondern nach einem Gefühl schmecken, der Markenname mit dem Produkt verschmelzen. Die Hautpflegemarke Nivea präsentiert ihre Gesichtspflege seit Jahren erfolgreich als in Blechdosen gepresstes Morgen- und Abendritual. Die Kampagne für einen Deoroller, unterzeichnet mit dem Slogan „White is Purity“ („Weiß ist Reinheit“), erntete dagegen lautstarke Rassismus-Vorwürfe in den sozialen Medien. Der Facebook-Beitrag, der ein Bild einer jungen Frau in weißer Bluse zeigt und neben den drei umstrittenen Worten außerdem mit "Keep it clean, keep bright. Don't let anything ruin it, #Invisible” unterzeichnet ist, wollte eigentlich die simple Botschaft vermitteln, dass man kein Deo benutzen sollte, das die Kleidung verfärbt.

          Für die amerikanische Alt-Right-Bewegung war dieser Slogan dennoch ein gefundenes Fressen: Auf Twitter wurde die Werbung neben einem Bild von Pepe the Frog plaziert, einem Symbol der amerikanischen Rechten für Antisemitismus und Rassismus. Nivea, so schreibt ein Nutzer, habe sich auf die Seite der Rechten geschlagen. Offensichtlich sah sich der Konzern in die Enge getrieben: Am Dienstag wurde der Beitrag von der Facebookseite entfernt, die den mittleren Osten ansprechen soll, eine Entschuldigung für das Missverständnis folgte. Vielfalt und Gleichheit seien maßgebende Werte des Konzerns, teilte ein Sprecher der Beiersdorf AG mit, zu der die Marke Nivea gehört. Zu spät, die Empörung hält an.

          Auch der Getränkekonzern Pepsi blamierte sich in dieser Woche mit einem Werbefilm im Netz. In dem knapp zweieinhalbminütigen Spot posiert das Model Kendall Jenner für einen Fotografen, als sie einen Tumult auf der Straße bemerkt. Theatralisch reißt sie sich die blonde Perücke vom Kopf, wischt sich die Farbe von den Lippen und schließt sich den Demonstranten an. Als die Gruppe, bestehend aus Musikern, Breakdancern und Hijab tragenden Fotografinnen, plötzlich von der Polizei abgeblockt wird, überreicht das Reality-TV-Sternchen Jenner im Britney-Spears-Gedächtnis-Jeans-Zweiteiler einem der Polizisten eine Dose Pepsi. Der Streit ist geschlichtet, die Welt wieder schön.

          Nur schade, dass die Realität ganz anders aussieht, bedenkt man die brutalen Ausschreitungen inklusive Pfefferspray-Angriffe seitens der Polizei gegen Demonstranten der „Black Lives Matter“-Bewegung. Womit Pepsi Harmonie symbolisieren möchte, treiben Internetnutzer nun ihr Unwesen. So wird Martin Luther King Jr. eine Dose des angeblich friedenstiftenden Getränks in die Hand montiert, und unter Fotos von prügelnden Polizisten und Demonstranten wird gefordert: „Kendall, gib ihm eine Pepsi!“. Mittlerweile ist der Konzern unter dem Aufschrei im Netz eingeknickt und hat den Film zurückgezogen. Keinesfalls habe man mit dem Spot ein ernstes Problem verharmlosen wollen.

          Ob man nun linke Internetnutzer als zu empfindlich, die Rechte als voreilig und gedankenlos oder Werbekonzepte selbst als zu provokativ ansieht: In jedem Fall konnten sich Nivea und Pepsi in dieser Woche des Scheinwerferlichts gewiss sein, wenn auch aus völlig falschen Gründen. Werbung, die offensichtlich grenzwertig oder emotionsgeladen ist, ist dann vielleicht nur eines: Überzogen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.