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Asyl in Deutschland : Ich, der Flüchtling

  • -Aktualisiert am

Einst waren hier Flüchtlinge aus der DDR untergebracht, später welche aus der UdSSR: Blick in einen Raum der Erinnerungsstätte des Notaufnahmelagers Marienfelde. Bild: Picture-Alliance

Vor 24 Jahren reiste unser Autor aus Moskau nach Berlin. Er ist geblieben. Und sagt heute: Für Deutsche gibt es keinen Grund, sich vor Einwanderern zu fürchten. Für Einwanderer gibt es keinen Grund, Deutschland dankbar zu sein.

          7 Min.

          Die neue Welle der Masseneinwanderung erschreckt. Die Flüchtlinge sind nicht nur zu zahlreich, sie sind vor allem zu fremd. So fremd wie ich. Ich kam vor 24 Jahren nach Deutschland als Flüchtling, und wenn ich jetzt an mich von damals denke, sehe ich, dass ich alle heutigen Horrorvorstellungen über Flüchtlinge verkörperte.

          Ich kam aus einer ärmlichen zerfallenden Diktatur, aus einem nicht christlichen Umfeld und hatte keine Erfahrung mit dem Leben in einer freiheitlichen Wohlstandsdemokratie. Ich hatte an diese Demokratie erhöhte Erwartungen, aber wenig Respekt für Recht und Gesetz.

          Der größte Teil der Flüchtlinge, die heute aus dem Nahen Osten nach Europa gelangen, sind junge Männer, das sei beunruhigend. Ich war zwanzig Jahre alt, als ich im Februar 1991 am Berliner Bahnhof Zoo ankam. Meine Absichten waren unlauter. Ich reiste mit einem Touristenvisum ein, hatte aber überhaupt nicht vor, zurückzukehren. Ich wusste es von Anfang an, und die deutsche Botschaft schien es über mich und meine Mitbürger auch zu wissen.

          Eine Seite aus Nikolai Klimeniouks altem Sowjetpass

          Die Willkommenskultur der Deutschen lernte ich bereits in Moskau kennen. Um ein Touristenvisum zu beantragen, musste man mehrere Monate in der Schlange vor der Botschaft verbringen. Freiwillige legten Wartelisten an. Wer zum täglichen Appell nicht erschien, wurde herausgestrichen. Man organisierte sich in kleinen Gruppen, um nicht jeden Tag kommen zu müssen. Das ging.

          In der Schlange vor der Botschaft

          Den deutschen Türsteher, der über diese spontane Selbstverwaltung der Schlange gebot, nannten die Aktivisten ergebenst „Herr Konsul“. Niemand in der Schlange verstand, warum der Westen so lange von der UdSSR die Abschaffung des Eisernen Vorhangs verlangte, nur um ihn nach dessen Fall sofort wieder auf der eigenen Seite aufzurichten; wieso man den Abriss der Berliner Mauer und die Reisefreiheit für Tschechen oder Ungarn bejubelte und zugleich Sowjetbürger aussperrte.

          Alle wussten auch, dass das lange Warten vermeidbar war, vorausgesetzt man hatte Zugang zu „Herrn Konsul“ und seinen Vorgesetzten. Man gab den Unterhändlern das Geld und bekam von ihnen einen Terminzettel. Die Schlange schreckte mich nicht ab. Sie stärkte meine Absicht, in Deutschland zu bleiben.

          Es ging mir gar nicht um Deutschland, sondern um meine Bewegungsfreiheit, der nun die deutsche Botschaft genauso im Wege stand wie früher der KGB. Nach etwa drei Monaten in der Schlange traf ich die richtigen Leute, erhielt mein Visum und machte mich auf den Weg.

          Den Flüchtlingen wird oft unterstellt, es gehe ihnen gar nicht ums Überleben, sondern um mehr Komfort im reichen Westen. Zu Recht, wie ich finde. Ich bin selbst geflohen, obwohl mein Leben in der UdSSR nicht in akuter Gefahr war. Aber es hatte auch unangenehme Seiten. Von klein auf musste ich mir anhören: „Hau ab nach Israel, du kleiner Jid!“

          Hin und wieder eins auf die Fresse

          Ich wollte aber nicht nach Israel, ich hatte mit dem Judentum nichts am Hut. Mit 15 Jahren bewarb ich mich an einer renommierten physikalisch-mathematischen Schule und wusste nicht, dass ihre Leitung sie judenfrei halten wollte. Deswegen bekam ich bei der Aufnahmeprüfung, wie alle anderen jüdischen Bewerber, Aufgaben ohne Lösungen.

          So sah es am Bahnhof Zoo in Berlin aus, als Nikolai Klimeniouk 1991 ankam.

          Mein ukrainischer Name half nie, in allen Antragsformularen musste man die gesamte Verwandtschaft auflisten. Ich kriegte auch hin und wieder mal eins auf die Fresse. Das war nicht wirklich schlimm, aber irgendwie unangenehm.

          Die UdSSR gefiel mir nicht, ich wollte fort. In meiner Nachbarschaft wohnten viele Offiziere. Sie sprachen über den Putsch, als sei er eine beschlossene Sache. Einmal fragte mich ein Hauptmann auf der Straße nach einer Zigarette.

          Ich reichte ihm eine Packung Marlboro, er nahm sich drei Stück und sagte: „Wir denken an dich, wenn wir den Putsch machen.“ Ich dachte an diesen Offizier, als ich den Zug bestieg, und entspannte mich erst, als er die polnisch-deutsche Grenze überquerte.

          Ich hatte keine Ahnung, wie ich in Deutschland bleiben könnte. Ich kam auf Einladung eines Slawistik-Studenten, den ich in Moskau kennengelernt hatte, und dachte eher an ein Studium. Vorsichtshalber nahm ich aber alle Dokumente mit, die ich besaß, von der Studienbescheinigung bis zum Impfausweis. Wie sich herausstellte, war nur die Geburtsurkunde wichtig.

          In der Erstaufnahme in Marienfelde

          Ein Freund meiner Freunde, der mich vom Bahnhof abholte, musterte mich noch am Bahnsteig und fragte: „Bist du Jude? Kannst du es auch nachweisen?“ Ein paar Stunden später saß ich im Warteraum der Erstaufnahmestelle im Westberliner Randbezirk Marienfelde. Als eine späte Geste der Wiedergutmachung lud die DDR alle Juden aus der Sowjetunion ein, so dass die vereinigte BRD keine andere Wahl hatte, als diese großzügige humanitäre Maßnahme eine Weile weiterzuführen.

          Nachweise waren das Hauptgesprächsthema im Warteraum. Ein älterer Mann hatte keine Geburtsurkunde, keinen Eintrag im Ausweis. „Die Deutschen werden Sie nicht anerkennen“, mutmaßte die Schlange. „Sie haben mich schon anerkannt“, sagte der Mann und zeigte seinen Judenpass, ausgestellt in irgendeinem Getto.

          Meine Geburtsurkunde, ein Duplikat, war weniger eindeutig. Als ich sie den Beamtinnen präsentierte, war eine sehr skeptisch. Dann sagte die andere zu ihr: „Schau dir doch sein Gesicht an, seine Nase.“ Mein Deutsch war damals rudimentär, aber völlig ausreichend, um dieses Gespräch zu verstehen. Wenn der Pass nicht gut genug ist, dann hilft eben die Fresse.

          Ich hatte nicht viel zu tun

          Die Syrer, die heute ankommen, müssen oft in Turnhallen oder Bürogebäuden schlafen. Dagegen war meine Unterkunft luxuriös. Ich wurde in einem Wohnheim einquartiert, das einst für DDR-Flüchtlinge gebaut worden war und wo einige von ihnen noch lebten. Ich teilte ein zehn Quadratmeter großes Zimmer mit einem jungen Boxer aus der Ukraine.

          Über ihn muss ich ein paar Worte sagen, denn er belegt ganz wunderbar die These, dass es unter Flüchtlingen auch Kriminelle gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob seine Herkunftspapiere echt waren, aber ich weiß genau, dass er Zigaretten schmuggelte und sich am illegalen Handel mit der abziehenden Sowjetarmee beteiligte. Selbstverständlich bezog er damals Sozialhilfe. Aber er war sehr nett, und er war nur selten da.

          Es war angenehm, denn in den ersten Monaten hatte ich nicht viel zu tun. Die Ausländerbehörde hatte es nicht eilig, mir den Flüchtlingsausweis auszustellen, ich konnte weder arbeiten noch studieren. Ich besuchte einen überfüllten Deutschkurs an einer Volkshochschule und hörte Musik.

          Deutschlernen mit Wagneropern

          Heute regen sich viele Deutsche darüber auf, dass Flüchtlinge Smartphones besitzen. Damals gab es nicht einmal Handys, dafür kaufte ich mir von meinem ganzen Geld eine kleine Stereoanlage, lieh mir bei der Stadtbücherei Wagner-Opern aus und hörte sie mit dem Libretto in der Hand. Als ich dann endlich begann, Deutsch zu sprechen, war mein Vokabular noch lange ziemlich merkwürdig gefärbt.

          Jeden Monat händigte mir das Sozialamt einen Kostenübernahmeschein für meine Zimmerhälfte aus – 1200 DM. Eine Zweizimmerwohnung kostete damals etwa 400 DM, aber niemand wollte Wohnungen an Ausländer vermieten, erst recht nicht an Flüchtlinge. Einmal hatte ich Streit mit dem Besitzer des Wohnheims, der einst selbst aus der DDR gekommen war und nun seine Pappzimmer an die Stadt für 2400 DM im Monat als Flüchtlingsunterkünfte vermietete.

          In einer Villa am Wannsee

          „Sie sind hier nicht erwünscht, Sie werden hier nur geduldet“, sagte er. „Wenn es uns nicht gäbe, hätten Sie arbeiten müssen“, erwiderte ich. Das war der erste Konjunktivsatz, den ich außerhalb des Deutschunterrichts sagte. Den Deutschunterricht hatte ich besucht, sobald ich durfte, an einer auf studierende Flüchtlinge und deutschstämmige Aussiedler spezialisierten Sprachschule.

          Viele Schüler, die aus anderen Städten kamen, wurden in einer heruntergekommenen Villa am Wannsee untergebracht, die einer Freundin der Schulleiterin gehörte. Jeder von uns konnte sich vorstellen, was sie an Miete kassierte. 1992 machte die Schule mit einer Korruptionsaffäre Schlagzeilen. Was den Bundesrechnungshof damals überraschte, war jedem Schüler auch ohne Einblick in die Finanzunterlagen klar.

          Ausreisewillige vor der deutschen Botschaft in Moskau in den neunziger Jahren.

          Übrigens haben 16 Prozent der syrischen Flüchtlinge einen Hochschulabschluss, viele sind Studenten oder Abiturienten. Sie kommen um diese Integrationsetappe nicht herum, und diese Etappe wird auch für sie Maßstäbe für deutsche Geschäftsmoral setzen. An dieser Stelle muss ich ein Geständnis ablegen: Wie alle Flüchtlinge, die ich kenne, habe ich viel illegal gearbeitet, Teller gewaschen und Treppenhäuser geputzt, Russischunterricht gegeben und gedolmetscht.

          Freie Wahlen, keine Todesstrafe

          Dabei hatte niemand von uns ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Sozialamt oder der BAföG-Behörde. Aus der Perspektive eines Flüchtlings gehört so etwas zum normalen Leben. Ich habe auch, wie es sich für einen guten Flüchtling gehört, weitere Menschen nachgeholt: einen Schulfreund und eine Freundin, in die ich verliebt war.

          Das Verhältnis zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen ist oft gespannt. Flüchtlinge verlangen Einreise und Unterkunft, Essen und Trinken, Hygieneartikel, schnelle Abfertigung und mehr Rechte. Manchmal prügelt man sich sogar mit der Polizei. Dies, meinen viele, sei unverschämt. Statt Deutschland dankbar zu sein, fordern sie immer mehr.

          Als frischgebackener Flüchtling war ich Deutschland nicht dankbar. Ich bin es auch jetzt nicht – so wenig wie die meisten meiner deutschen Mitbürger. Dafür gibt es viele Gründe. Ich halte Freizügigkeit für ein Grundrecht, jeder darf überall leben. Ich freue mich für Deutschland, dass es diesem Idealzustand näherkommt als andere europäische Länder, ich freue mich, dass es hier freie Wahlen und keine Todesstrafe gibt.

          In einem freien Land

          Aber muss ich mich dafür bedanken? Außerdem war die deutsche Einwanderungspolitik so grotesk, dass sie jede Dankbarkeit im Keim erstickte. Ich wusste genau, dass ich nur wegen der NS-Verbrechen bleiben konnte.

          Offiziell galt es auch für die andere große Einwanderergruppe aus der UdSSR, die deutschstämmigen Aussiedler. Sie erhielten aber im Gegensatz zu allen anderen Einwanderern sofort den deutschen Pass. Die im Gesetz verankerte Begründung für ihre bevorzugte Behandlung, die Verfolgung „im Zusammenhang mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges“, war zum Lachen – niemand zog in Erwägung, die Krimtataren oder die Tschetschenen aufzunehmen, obwohl ihnen infolge derselben Ereignisse im selben Land das gleiche Unrecht geschah.

          Auch hier wurde nach der Geburtsurkunde entschieden. Übrigens konnten sich jüdische und deutschstämmige Teilnehmer des Sprachkurses meist nicht ausstehen – so viel zum Thema Spannungen zwischen Einwanderern unterschiedlicher Herkunft.

          Ich kann auch bestätigen, dass die Einwanderer oft im eigenen Sud schmoren und sich in eine moderne aufgeklärte Gesellschaft nicht integrieren. Daran ändert auch nichts, dass die Ex-Sowjetmenschen in der Regel äußerlich nicht auffallen. Wenn ein russisch-orthodoxer Priester in Charlottenburg gegen die Demokratie oder deutsches Schulwesen hetzt oder den Bürgermeister a. D. aufgrund seiner Homosexualität als „unbestraften Verbrecher“ bezeichnet, unterscheidet er sich in Nichts von den gefürchteten Hasspredigern, die junge Muslime indoktrinieren.

          Bloß gut, dass Putin Truppen schickt

          Die russischsprachige Community ist auch sehr anfällig für Hasspropaganda der russischen Medien. Das zentrale Thema ihrer aktuellen Berichterstattung ist die Flüchtlingskrise. Die Flüchtlinge, „die braune Masse“ genannt, seien die größte Gefahr für Europa. Und Europa geschehe es auch recht, weil es sich in die souveränen Angelegenheiten Syriens einmische. Man solle sie nach Hause schicken oder am besten nach Amerika, das diese Krise ausgelöst habe. Deutschland sei verrückt, diese Dreckslawine auszulösen, die es bald überschwemmen werde. Bloß gut, dass Putin Truppen nach Syrien schickt.

          Die Kommentare zu den neuen Flüchtlingen, die man von russischsprachigen Einwanderern vernimmt oder in sozialen Netzwerken liest, sind oft noch schlimmer. Pegida nimmt man wenigstens als Problem wahr. Man setzt Pegida mit Deutschland aber auch nicht gleich. Die meisten Russen oder Syrer sind ebenfalls nicht Putin oder IS.

          Solange es Diktaturen und Armut gibt, wird es auch Flüchtlinge geben, und sie werden in die reichsten und die freiesten Länder strömen. Das ist normal. Ein Land muss sich Sorgen machen, wenn es keine Einwanderer anzieht. Es liegt jetzt an Deutschland, ob die Einwanderer nur vom Sozialstaat profitieren oder sich auch mit Recht und Freiheit identifizieren. Ich kann gut in und mit Deutschland leben. Ich hoffe, es wird hier allen Flüchtlingen so gehen.

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