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Asyl in Deutschland : Ich, der Flüchtling

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In einem freien Land

Aber muss ich mich dafür bedanken? Außerdem war die deutsche Einwanderungspolitik so grotesk, dass sie jede Dankbarkeit im Keim erstickte. Ich wusste genau, dass ich nur wegen der NS-Verbrechen bleiben konnte.

Offiziell galt es auch für die andere große Einwanderergruppe aus der UdSSR, die deutschstämmigen Aussiedler. Sie erhielten aber im Gegensatz zu allen anderen Einwanderern sofort den deutschen Pass. Die im Gesetz verankerte Begründung für ihre bevorzugte Behandlung, die Verfolgung „im Zusammenhang mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges“, war zum Lachen – niemand zog in Erwägung, die Krimtataren oder die Tschetschenen aufzunehmen, obwohl ihnen infolge derselben Ereignisse im selben Land das gleiche Unrecht geschah.

Auch hier wurde nach der Geburtsurkunde entschieden. Übrigens konnten sich jüdische und deutschstämmige Teilnehmer des Sprachkurses meist nicht ausstehen – so viel zum Thema Spannungen zwischen Einwanderern unterschiedlicher Herkunft.

Ich kann auch bestätigen, dass die Einwanderer oft im eigenen Sud schmoren und sich in eine moderne aufgeklärte Gesellschaft nicht integrieren. Daran ändert auch nichts, dass die Ex-Sowjetmenschen in der Regel äußerlich nicht auffallen. Wenn ein russisch-orthodoxer Priester in Charlottenburg gegen die Demokratie oder deutsches Schulwesen hetzt oder den Bürgermeister a. D. aufgrund seiner Homosexualität als „unbestraften Verbrecher“ bezeichnet, unterscheidet er sich in Nichts von den gefürchteten Hasspredigern, die junge Muslime indoktrinieren.

Bloß gut, dass Putin Truppen schickt

Die russischsprachige Community ist auch sehr anfällig für Hasspropaganda der russischen Medien. Das zentrale Thema ihrer aktuellen Berichterstattung ist die Flüchtlingskrise. Die Flüchtlinge, „die braune Masse“ genannt, seien die größte Gefahr für Europa. Und Europa geschehe es auch recht, weil es sich in die souveränen Angelegenheiten Syriens einmische. Man solle sie nach Hause schicken oder am besten nach Amerika, das diese Krise ausgelöst habe. Deutschland sei verrückt, diese Dreckslawine auszulösen, die es bald überschwemmen werde. Bloß gut, dass Putin Truppen nach Syrien schickt.

Die Kommentare zu den neuen Flüchtlingen, die man von russischsprachigen Einwanderern vernimmt oder in sozialen Netzwerken liest, sind oft noch schlimmer. Pegida nimmt man wenigstens als Problem wahr. Man setzt Pegida mit Deutschland aber auch nicht gleich. Die meisten Russen oder Syrer sind ebenfalls nicht Putin oder IS.

Solange es Diktaturen und Armut gibt, wird es auch Flüchtlinge geben, und sie werden in die reichsten und die freiesten Länder strömen. Das ist normal. Ein Land muss sich Sorgen machen, wenn es keine Einwanderer anzieht. Es liegt jetzt an Deutschland, ob die Einwanderer nur vom Sozialstaat profitieren oder sich auch mit Recht und Freiheit identifizieren. Ich kann gut in und mit Deutschland leben. Ich hoffe, es wird hier allen Flüchtlingen so gehen.

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