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Asyl in Deutschland : Ich, der Flüchtling

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Deutschlernen mit Wagneropern

Heute regen sich viele Deutsche darüber auf, dass Flüchtlinge Smartphones besitzen. Damals gab es nicht einmal Handys, dafür kaufte ich mir von meinem ganzen Geld eine kleine Stereoanlage, lieh mir bei der Stadtbücherei Wagner-Opern aus und hörte sie mit dem Libretto in der Hand. Als ich dann endlich begann, Deutsch zu sprechen, war mein Vokabular noch lange ziemlich merkwürdig gefärbt.

Jeden Monat händigte mir das Sozialamt einen Kostenübernahmeschein für meine Zimmerhälfte aus – 1200 DM. Eine Zweizimmerwohnung kostete damals etwa 400 DM, aber niemand wollte Wohnungen an Ausländer vermieten, erst recht nicht an Flüchtlinge. Einmal hatte ich Streit mit dem Besitzer des Wohnheims, der einst selbst aus der DDR gekommen war und nun seine Pappzimmer an die Stadt für 2400 DM im Monat als Flüchtlingsunterkünfte vermietete.

In einer Villa am Wannsee

„Sie sind hier nicht erwünscht, Sie werden hier nur geduldet“, sagte er. „Wenn es uns nicht gäbe, hätten Sie arbeiten müssen“, erwiderte ich. Das war der erste Konjunktivsatz, den ich außerhalb des Deutschunterrichts sagte. Den Deutschunterricht hatte ich besucht, sobald ich durfte, an einer auf studierende Flüchtlinge und deutschstämmige Aussiedler spezialisierten Sprachschule.

Viele Schüler, die aus anderen Städten kamen, wurden in einer heruntergekommenen Villa am Wannsee untergebracht, die einer Freundin der Schulleiterin gehörte. Jeder von uns konnte sich vorstellen, was sie an Miete kassierte. 1992 machte die Schule mit einer Korruptionsaffäre Schlagzeilen. Was den Bundesrechnungshof damals überraschte, war jedem Schüler auch ohne Einblick in die Finanzunterlagen klar.

Ausreisewillige vor der deutschen Botschaft in Moskau in den neunziger Jahren.

Übrigens haben 16 Prozent der syrischen Flüchtlinge einen Hochschulabschluss, viele sind Studenten oder Abiturienten. Sie kommen um diese Integrationsetappe nicht herum, und diese Etappe wird auch für sie Maßstäbe für deutsche Geschäftsmoral setzen. An dieser Stelle muss ich ein Geständnis ablegen: Wie alle Flüchtlinge, die ich kenne, habe ich viel illegal gearbeitet, Teller gewaschen und Treppenhäuser geputzt, Russischunterricht gegeben und gedolmetscht.

Freie Wahlen, keine Todesstrafe

Dabei hatte niemand von uns ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Sozialamt oder der BAföG-Behörde. Aus der Perspektive eines Flüchtlings gehört so etwas zum normalen Leben. Ich habe auch, wie es sich für einen guten Flüchtling gehört, weitere Menschen nachgeholt: einen Schulfreund und eine Freundin, in die ich verliebt war.

Das Verhältnis zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen ist oft gespannt. Flüchtlinge verlangen Einreise und Unterkunft, Essen und Trinken, Hygieneartikel, schnelle Abfertigung und mehr Rechte. Manchmal prügelt man sich sogar mit der Polizei. Dies, meinen viele, sei unverschämt. Statt Deutschland dankbar zu sein, fordern sie immer mehr.

Als frischgebackener Flüchtling war ich Deutschland nicht dankbar. Ich bin es auch jetzt nicht – so wenig wie die meisten meiner deutschen Mitbürger. Dafür gibt es viele Gründe. Ich halte Freizügigkeit für ein Grundrecht, jeder darf überall leben. Ich freue mich für Deutschland, dass es diesem Idealzustand näherkommt als andere europäische Länder, ich freue mich, dass es hier freie Wahlen und keine Todesstrafe gibt.

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