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Asyl in Deutschland : Ich, der Flüchtling

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So sah es am Bahnhof Zoo in Berlin aus, als Nikolai Klimeniouk 1991 ankam.

Mein ukrainischer Name half nie, in allen Antragsformularen musste man die gesamte Verwandtschaft auflisten. Ich kriegte auch hin und wieder mal eins auf die Fresse. Das war nicht wirklich schlimm, aber irgendwie unangenehm.

Die UdSSR gefiel mir nicht, ich wollte fort. In meiner Nachbarschaft wohnten viele Offiziere. Sie sprachen über den Putsch, als sei er eine beschlossene Sache. Einmal fragte mich ein Hauptmann auf der Straße nach einer Zigarette.

Ich reichte ihm eine Packung Marlboro, er nahm sich drei Stück und sagte: „Wir denken an dich, wenn wir den Putsch machen.“ Ich dachte an diesen Offizier, als ich den Zug bestieg, und entspannte mich erst, als er die polnisch-deutsche Grenze überquerte.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich in Deutschland bleiben könnte. Ich kam auf Einladung eines Slawistik-Studenten, den ich in Moskau kennengelernt hatte, und dachte eher an ein Studium. Vorsichtshalber nahm ich aber alle Dokumente mit, die ich besaß, von der Studienbescheinigung bis zum Impfausweis. Wie sich herausstellte, war nur die Geburtsurkunde wichtig.

In der Erstaufnahme in Marienfelde

Ein Freund meiner Freunde, der mich vom Bahnhof abholte, musterte mich noch am Bahnsteig und fragte: „Bist du Jude? Kannst du es auch nachweisen?“ Ein paar Stunden später saß ich im Warteraum der Erstaufnahmestelle im Westberliner Randbezirk Marienfelde. Als eine späte Geste der Wiedergutmachung lud die DDR alle Juden aus der Sowjetunion ein, so dass die vereinigte BRD keine andere Wahl hatte, als diese großzügige humanitäre Maßnahme eine Weile weiterzuführen.

Nachweise waren das Hauptgesprächsthema im Warteraum. Ein älterer Mann hatte keine Geburtsurkunde, keinen Eintrag im Ausweis. „Die Deutschen werden Sie nicht anerkennen“, mutmaßte die Schlange. „Sie haben mich schon anerkannt“, sagte der Mann und zeigte seinen Judenpass, ausgestellt in irgendeinem Getto.

Meine Geburtsurkunde, ein Duplikat, war weniger eindeutig. Als ich sie den Beamtinnen präsentierte, war eine sehr skeptisch. Dann sagte die andere zu ihr: „Schau dir doch sein Gesicht an, seine Nase.“ Mein Deutsch war damals rudimentär, aber völlig ausreichend, um dieses Gespräch zu verstehen. Wenn der Pass nicht gut genug ist, dann hilft eben die Fresse.

Ich hatte nicht viel zu tun

Die Syrer, die heute ankommen, müssen oft in Turnhallen oder Bürogebäuden schlafen. Dagegen war meine Unterkunft luxuriös. Ich wurde in einem Wohnheim einquartiert, das einst für DDR-Flüchtlinge gebaut worden war und wo einige von ihnen noch lebten. Ich teilte ein zehn Quadratmeter großes Zimmer mit einem jungen Boxer aus der Ukraine.

Über ihn muss ich ein paar Worte sagen, denn er belegt ganz wunderbar die These, dass es unter Flüchtlingen auch Kriminelle gibt. Ich bin mir nicht sicher, ob seine Herkunftspapiere echt waren, aber ich weiß genau, dass er Zigaretten schmuggelte und sich am illegalen Handel mit der abziehenden Sowjetarmee beteiligte. Selbstverständlich bezog er damals Sozialhilfe. Aber er war sehr nett, und er war nur selten da.

Es war angenehm, denn in den ersten Monaten hatte ich nicht viel zu tun. Die Ausländerbehörde hatte es nicht eilig, mir den Flüchtlingsausweis auszustellen, ich konnte weder arbeiten noch studieren. Ich besuchte einen überfüllten Deutschkurs an einer Volkshochschule und hörte Musik.

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