https://www.faz.net/-gqz-8adop

Geisel beim IS : Man nannte mich Glatzkopf

  • -Aktualisiert am

Nicolas Hénin Bild: Abd Rabbo Ammar/ABACA

Nicolas Hénin war Gefangener des „Islamischen Staats“ und konnte tiefe Einblicke in die Denkstrukturen der Miliz erhalten. Er weiß: Mehr als unsere Luftangriffe fürchtet der IS unsere Einheit. Ein Gastbeitrag.

          Als stolzer Franzose bin ich ebenso traurig über die Ereignisse in Paris wie alle anderen. Aber ich bin nicht schockiert oder überrascht. Ich kenne den „Islamischen Staat“. Ich habe zehn Monate in IS-Geiselhaft verbracht, und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass unser Schmerz, unsere Trauer, unsere Hoffnungen, unser Leben sie nicht berühren. Sie leben in einer eigenen Welt.

          Die meisten kennen den IS nur aus dessen Propaganda, aber ich habe hinter die Kulissen geschaut. In meiner Zeit als Gefangener bin ich einem Dutzend von ihnen begegnet, darunter Mohammed Emwazi alias Jihadi John, einem meiner Bewacher. Er gab mir den Spitznamen „Glatzkopf“.

          Es war so lächerlich

          Selbst heute noch chatte ich manchmal mit ihnen in den sozialen Netzwerken, und ich kann Ihnen sagen, viel von dem, was Sie über diese Leute denken, ist ein Ergebnis ihrer Werbung und ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Sie präsentieren sich dem Publikum als Superhelden, wirken abseits der Kamera aber oft recht armselig: Street-Kids, die sich an Ideologie und Macht berauschen. In Frankreich sagen wir gerne: dumm und böse. Ich fand sie eher dumm als böse. Das heißt natürlich nicht, dass wir das mörderische Potential der Dummheit unterschätzen dürften.

          Alle, die im vergangenen Jahr vom IS enthauptet wurden, waren meine Zellengenossen, und meine Bewacher spielten gerne kindische Spiele mit uns – psychische Folter. Einmal sagten sie uns, wir würden bald freigelassen, und zwei Wochen später erklärten sie unumwunden: „Morgen werden wir einen von euch töten.“ Anfangs glaubten wir solchen Aussagen, aber dann erkannten wir, dass sie nur dumme Schwätzer waren, die ihre Späße mit uns trieben.

          Eine seltsame Doppelstrategie verfolgte der IS-Terrorist Mohammed Ewazi alias Jihadi John

          Etwa durch Scheinhinrichtungen: Einmal betäubten sie mich mit Chloroform. Ein andermal spielten sie meine Enthauptung. Ein paar französisch sprechende Dschihadisten schrien: „Wir werden dir den Kopf abschneiden und auf deinen Arsch legen und das Ganze auf Youtube hochladen.“ Sie hatten ein Schwert aus einem Antiquitätenladen.

          Sie lachten, und ich spielte mit, indem ich schrie, aber sie wollten nur ihren Spaß haben. Als sie weg waren, wandte ich mich an einen französischen Mitgefangenen und lachte nur. Es war so lächerlich.

          Sie speisen ihre Motivation aus Negativem

          Sehr erstaunt war ich über ihre gute technologische Vernetzung. Sie verfolgen geradezu obsessiv die Nachrichten, aber alles, was sie sehen, geht durch ihren eigenen Filter. Sie sind vollkommen indoktriniert, glauben an alle Arten von Verschwörungstheorien und geben Widersprüche niemals zu.

          Alles stärkt nur ihre Überzeugung, dass sie auf dem richtigen Weg sind und insbesondere, dass da gerade ein apokalyptischer Prozess im Gang ist, der zu einer Konfrontation zwischen einer Armee von Muslimen aus aller Welt und anderen, den Kreuzzüglern, den Römern, führen wird. Sie interpretieren alles als weiteren Schritt auf diesem Weg, weshalb denn auch alles unter dem Segen Allahs steht.

          Aufgrund ihres Interesses an Nachrichten und sozialen Medien dürften sie genau verfolgen, was nach ihren Mordanschlägen in Paris geschieht, und ich denke, gerade in diesem Augenblick besingen sie ihren Sieg. Und jedes Anzeichen von Überreaktion, Spaltung, Angst, Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit wird sie nur ermutigen. Sie werden sich zu jedem hässlichen Beispiel in den sozialen Medien hingezogen fühlen.

          Ein Symbol unseres gerechten Zorns

          Im Mittelpunkt ihres Weltbilds steht der Glaube, dass andere Gemeinschaften nicht mit Muslimen zusammenleben könnten, und jeden Tag suchen sie nach Dingen, die sie in dieser Auffassung bestätigen. Die Bilder aus Deutschland von Menschen, die Migranten willkommenhießen, dürften besonders unangenehm für sie gewesen sein. Zusammenhalt, Toleranz – so etwas wollen sie nicht sehen.

          Weitere Themen

          Goldener Bär für „Synonymes“ Video-Seite öffnen

          Israelischer Film : Goldener Bär für „Synonymes“

          Der israelische Regisseur Nadav Lapid ist von der Berlinale-Jury für seinen Film „Synonymes“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Deutschland wurden am Samstagabend in Berlin auch zwei deutsche Regisseurinnen ausgezeichnet.

          Abschied für Dieter Kosslick Video-Seite öffnen

          Berlinale 2019 : Abschied für Dieter Kosslick

          Nach 18 Jahren als Berlinale-Direktor lässt Dieter Kosslick die Stimmung auf dem roten Teppich noch mal so richtig auf sich wirken. Bei seinen letzten Filmfestspielen als Leiter wird „Synonymes“ mit dem goldenen Bären geehrt. Darin geht es um einen jungen Israeli, der in Paris eine neue Identität sucht.

          Topmeldungen

          Hollywood prägt das Bild der Reichen: Leonardo di Caprio in „The Wolf of Wall Street“ als wunderbares Beispiel dafür, dass Wohlhabende in Filmen meist betrügerisch und dekadent wirken.

          Ruf nach neuer Umverteilung : Attacke auf die Reichen!

          Jeder zweite Deutsche hält Reiche für rücksichtslos und gierig. Jeder zweite Berliner will Hauseigentümer enteignen. Die SPD prescht mit Umverteilungsplänen vor. Was ist in Deutschland los?

          Bericht über Wahlkampf-Video : Tritt der Held der Jugend gegen Trump an?

          Manche Demokraten glauben bis heute, dass Bernie Sanders Donald Trump 2016 geschlagen hätte. Nun spricht immer mehr dafür, dass der Sozialist 2020 noch einmal antreten wird. Beide Männer sind sich treu geblieben – auf ihre Art.

          Politiker Bijan Kaffenberger : So lebt es sich mit dem Tourette-Syndrom

          Seltsame Laute, Schimpftiraden und Muskelzuckungen – dafür ist das Tourette-Syndrom bekannt. Ist das nur ein Klischee? Und wie lebt es sich mit der unheilbaren Krankheit, wenn man in der Öffentlichkeit steht? So wie der Politiker Bijan Kaffenberger.

          Seehofer gegen de Maizière : Wie war das mit der „Herrschaft des Unrechts“?

          Der frühere Innenminister de Maizière schreibt in seinem neuen Buch, im Herbst 2015 hätten vor allem bayerische Politiker eine Registrierung von Flüchtlingen im Grenzgebiet abgelehnt. Seehofer widerspricht. Wer hat recht? Wir haben bei drei Landräten nachgefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.