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Zum Ende der DDR : Wir waren die Mutigen

  • -Aktualisiert am

Ein historischer Grenzpfosten steht an der früheren innerdeutschen Grenze im thüringischen Mödlareuth. Bild: dpa

Nicht das Volk, sondern die Opposition mit den Kirchen an der Spitze hat die friedliche Revolution in der DDR ausgelöst, urteilt der Bürgerrechtler Werner Schulz. Eine Erwiderung auf Detlef Pollack.

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          In einer Serie von Artikeln für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beansprucht der Religionssoziologe Detlef Pollack die Deutungshoheit über die friedliche Revolution in der DDR. Pünktlich zu deren Jubiläum wiederholt er seine alten Thesen. Doch seine Behauptungen von der marginalen Bedeutung der oppositionellen Gruppen und dem Primat der „Normalos“ waren schon vor zwanzig Jahren abstrus konstruiert und wurden von der historischen Forschung widerlegt. Die Auslösung der friedlichen Revolution durch die Bürgerrechtler und deren organisatorischer Anteil daran sind durch zahlreiche Fakten und wissenschaftliche Arbeiten belegt und keine Mär oder Erfindung ihrer Protagonisten. Detlef Pollack bestätigt hingegen Hannah Arendts Feststellung, dass der hervorstechendste und erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht darin besteht, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.

          Anstatt sich mit den eigenen Fehlern und Fehlleistungen zu beschäftigen, setzt Pollack lieber neue in die Welt. Dabei gäbe es für einen gelernten Theologen der Karl-Marx-Universität Leipzig genügend Material und Gründe für die Aufarbeitung. Allein, dass unter dem Namen des streitbaren Philosophen, der die Religion für eine Art volksbetörendes Rauschgift hielt, eine Theologieausbildung stattfand, hätte vermutlich den leicht Erzürnbaren dazu veranlasst, sich jedes Barthaar einzeln auszureißen. Doch was wie ein dialektischer Widerspruch anmutet, war vielmehr, so wie die Instrumentalisierung der Blockparteien, Absicht und Methode der SED, sich die anfangs bekämpfte und nicht völlig verdrängte Kirche nutzbar zu machen, um sie beim weiteren Aufbau des Kommunismus gänzlich zu überwinden. Deswegen ist Pollack nicht nur Niklas Luhmann gefolgt, sondern vor allem seinem Lehrmeister Prof. Hans Moritz, alias IM Martin, Mitglied im Zentralrat der FDJ und später im Hauptvorstand der Ost-CDU. Unter seiner Leitung hat er auch Arbeiten zur „Kirche im Sozialismus“ verfasst, die er heute in seiner Vita verschweigt.

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