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Die Zukunft der Bibliotheken : Ein Spray, das nach Lesen riecht

Grau in grau: An der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin versammelten sich die Bibliothekare, um über eine buntere Zukunft nachzudenken. Bild: Picture-Alliance

Yoga, Motivationsspiele, zündende Unterhaltung: Auf der „Next Library Conference“ in Berlin wird nach Wegen gesucht, die öffentlichen Bibliotheken wieder attraktiver zu machen. Bücher spielen dabei nur eine Nebenrolle.

          Die Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche ist an diesem Morgen voll. Nicht zum Gottesdienst hat sie geläutet, sondern dient als Veranstaltungsort für die rund vierhundert Bibliothekare, die sich in Berlin zur Next Library Conference versammelt haben. Organisiert wird die internationale Konferenz, die sonst im dänischen Aarhus stattfindet, in diesem Jahr von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin in Kooperation mit der Kulturstiftung des Bundes. Doch frei von Bekehrung ist auch diese Zusammenkunft nicht, obwohl es eigentlich um Probleme und Herausforderungen der öffentlichen Bibliotheken gehen soll.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          „Lasst uns Muster durchbrechen“, ruft der Managementberater Stefan Kaduk aus dem Altarbereich, auf dem an Stelle eines Altars ein Bildschirm für Power-Point-Präsentationen errichtet ist. Aufmerksam lauscht das Publikum dem smarten „Keynote-Speaker“, der davon abrät, die falschen Dinge zu perfektionieren, und empfiehlt, mehr zu experimentieren. Was das alles mit Bibliotheken zu tun hat, weiß wahrscheinlich keiner so recht zu sagen. Aber darum geht es an diesem Ort auch gar nicht. Allem Anschein nach soll hier vor allem an der Haltung jedes Einzelnen gearbeitet werden. Geradezu dankbar nehmen die anwesenden Bibliothekare das anschließende Motivationstraining des Coaches Andreas Müller an.

          „Ich bin sexy“, „du bist sexy“, wiederholen sie in Sprechchören, was der Coach ihnen vorsagt, beteiligen sich eifrig an Klatschspielen, formen in Zweiergruppen mit ihren Körpern Buchstaben und setzen den gesamten Kirchenraum in Bewegung wie auf einem Kindergeburtstag. Sieht so die Zukunft der Bibliotheken aus?

          Bücher werden aus dem öffentlichen Raum verdrängt

          Dass sie sich in Deutschland in einer der größten Krisen ihrer Geschichte befinden, steht außer Zweifel. Bücher werden immer unattraktiver, der Anteil an aktiven Lesern sinkt rapide, die Digitalisierung verändert die Formen der Wissensaneignung fundamental. Das Klischee der öffentlichen Bibliotheken ist in Deutschland miserabel: beige gekleidete Angestellte in hässlichen Gebäuden, die in muffigen Räumen abgegriffene Bücher bewachen, für die sich in Zeiten blitzblanker Smartphones und hochpolierter Tablets sowieso kein Mensch interessiert. Wie können unter diesen Bedingungen Bürger, insbesondere Kinder und Jugendliche, die eine Welt ohne digitalisierte Umgebung gar nicht mehr kennen, in die öffentlichen Bibliotheken gelockt werden? Die Kulturstiftung des Bundes reagiert darauf mit dem millionenschweren Programm „Hochdrei“: Stadtbibliotheken soll mit dieser Förderung ermöglicht werden, sich als „offene Orte der Begegnung“ zu etablieren.

          Daran knüpfen auch die Plädoyers der Museumsdirektorin Nina Simon und der Architektin Sandi Kilal an, die die zentrale Funktion von Bibliotheken in der Integration von Migranten und der Verwirklichung von gesellschaftlicher Diversität sehen. Führt das aber nicht am Kern des Problems vorbei? Interkulturelle Begegnung ist wünschenswert, kann aber wohl kaum die Verdrängung des Buches aus dem öffentlichen Raum verhindern – denn die schwindende Attraktivität des Bücherlesens steht mit Migration in überhaupt keinem Zusammenhang. Über die Lust am Lesen redet auf der Konferenz derweil niemand.

          Yoga in der Bibliothek

          Das Bemühen, den Ort von Büchern durch Mittel attraktiv zu machen, die mit dem eigentlichen Medium des Buches gar nichts zu tun haben, ist auf der Konferenz erstaunlich häufig zu beobachten. Eingeschworen wird die Bibliotheksgemeinschaft auf den Glauben an die Machbarkeit des Neuen, was auch deshalb so gut funktioniert, weil eigentlich keiner so genau weiß, was „das Neue“ konkret bedeutet. Doch daran stört sich niemand. „Encourage the unexpected“ ist das Motto der Konferenz, auf der das Unerwartete in Form von workshopähnlichen „Interactive Sessions“, Fünf-Minuten-Präsentationen in „Ignite Talks“ und Showrooms erfahrbar gemacht wird.

          „Bewegungskompetenz für Klein und Groß“ lässt sich etwa interaktiv in einem Yoga-Workshop erproben. Weil es für das geistige Arbeiten nachweislich besser ist und die Konzentration stärkt, empfiehlt die interaktive Session-Leiterin, Yoga-Kurse auch innerhalb der Bibliotheken anzubieten. Das passt zu dem ganzheitlichen Konzept eines anderen Workshops, der eine „Bibliothek der Sinne“ im digitalen Zeitalter präsentiert. Wer zum Beispiel lieber E-Books liest, auf den Geruch von Büchern aber nicht verzichten will, kann ein Spray mit Buch-Geruch erwerben. Den Bibliotheken nützt eine solche Erfindung freilich nichts.

          Es sei ein Fehler, dass der Bildungsauftrag der Bibliotheken nicht festgeschrieben wurde, sagt die Schöneberger Bezirksstadträtin Jutta Kaddatz (CDU) auf einem abschließenden Podium. Zu bedenken gab sie aber noch etwas anderes: „Bibliotheken haben auch den Auftrag, Freude zu vermitteln.“ So richtig das ist, so fraglich bleibt, ob sie ihren Zweck wirklich erfüllen, wenn sich die Freude nicht am Lesen und an den Büchern entzündet, sondern an allem, was die Bibliothek sonst noch zu bieten hat.

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