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Lethen und Sommerfeld : Wären nicht die Germanen im Ehebett

Kein seriöser Autor behauptet, was Caroline Sommerfeld behauptet, dass behauptet werde: dass es den Germanenbegriff nicht gebe, nicht mehr geben dürfe oder dass er keinen Inhalt habe. Als historische Akteure werden Personen, die man als Germanen bezeichnete, nicht in Abrede gestellt. Strittig ist, was genau der Germanenbegriff umfasst. Sommerfelds Abwehr, ihn, den Germanenbegriff, zu qualifizieren, statt ihn nur zu behaupten, gehorcht der Ahnung, vielleicht auch dem Wissen, dass die Germanenforschung heute weiter ist als 1945 und sich für mythische Annahmen über Volkscharakter und Volksseele nicht länger ausbeuten lässt. Der Althistoriker Hans-Ulrich Wiemer stellt klar: „Die Vorstellung, die Germanen seien eine Abstammungsgemeinschaft mit unveränderlichen Wesensmerkmalen gewesen, die sich in eine Vielfalt von Stämmen aufgespalten habe, ist aufgegeben, die These von der germanischen Kontinuität überholt.“

Derart in die Defensive gedrängt, nimmt Caroline Sommerfeld ihr konstruktivistisches Zugeständnis augenblicklich zurück und stellt wieder auf ahistorisches Substanzdenken um, mit welchem sie paradoxerweise die Plastizität des kulturellen Gedächtnis für beschreibbar hält: „Im übrigen ist unsere Aufgabe, wie mir immer wieder deutlich wird, offensichtlich Reparatur des erodierten kulturellen Gedächtnisses.“ Hieße das nun aber nicht, den Bock zum Gärtner zu machen? Was die Tauglichkeit des Germanenbegriffs fürs identitäre Denken angeht, sollte sich Sommerfeld ihr kulturelles Gedächtnis von Wiemers Kollegen Mischa Meier reparieren lassen.

Fremdes und Gleiches

Der skizziert den Forschungsstand wie folgt: „Bis 1945 hatte man relativ klare Vorstellungen über die Germanen, wo sie hingehören und wo sie herkommen. Die beruhten aber auf ganz wenigen wirklichen Informationen. Man verließ sich darauf, dass die Germanen eine geschlossene Kultur und Denkart entwickelt hätten, die sich kontinuierlich über lange Zeiträume bis ins Mittelalter durchgehalten habe. Das Wesen dieses Germanentums, das, wie es schien, auf Freiheit, Ehre, Treue und ähnliche Überzeugungen großen Wert legte, wollte man verstehen. Dazu wurde alles aufgeboten, was sich von Osteuropa bis Skandinavien und Island an sprachlichen, schriftlichen und archäologischen Spuren und Parallelen fand.“

Statt mit der dekonstruktivistisch verseuchten Wissenschaft – Sommerfeld: „Zumindest geisteswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Forschung hat sich komplett der Entstrukturierung, Entmythifizierung und Auflösung verschrieben“ – hält es die germanische Substantialistin mit der apokryphen Literatur zum Thema. Alle hier zitierten Erwägungen Caroline Sommerfelds zum Germanenthema sind Teil ihrer Kommentierung des Buches „Gab es Germanen? Eine Spurensuche“ des „Anthropologen“ Andreas Vonderach, das die von Meier beschriebene akribische Spurensuche unbeirrt fortsetzt. Auf Seite 62 des Werkes entfaltet der Autor sein völkisches Forschungssetting, welches „Vertrauen“ zu einer Frage der „gemeinsamen Gene“ macht und geradewegs in die Produktion des ethnischen Ressentiments führt: „Gleichzeitig misstrauen wir Menschen umso mehr, je weniger sie mit uns gemeinsam haben“ (an genetischem Material).

Schillernd, schaurig und schriftstellerisch „unter Strom“ (Helmut Lethen) setzend: Im Hin und Her von Behaupten und einem Nachdenken, das sofort abgebrochen wird, wenn das Behauptete durch dieses Nachdenken bedroht erscheint, lässt sich Caroline Sommerfeld bei der allmählichen Verfertigung ihrer identitären Ideologie zuschauen. Misslich, dass sie selbst sich dabei nicht zuschauen kann. Das ist augenscheinlich nur H vergönnt. Caroline Sommerfeld bringt sich damit um ein intellektuelles Vergnügen, dass sie anderenfalls erschrecken ließe.

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