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Lethen und Sommerfeld : Wären nicht die Germanen im Ehebett

„Gestern hat H etwas extrem Merkwürdiges gesagt“

Die „Dialoge mit H“ sind ein propagandistischer Kunstgriff, mit dem Caroline Sommerfeld ihre fremden Anteile im Eigenen inszeniert, ihr Mann repräsentiert in diesen Dialogen ihre andere, eigentlich überwundene, aber doch stets widerstreitend gegenwärtige Seite. So wird der flachen, im Haushalt der Gene kreisenden Stereotype des Eigenen ein Erfahrungswert eingehaucht, das Eigene erscheint als Frucht einer der psychischen Überfremdung abgerungenen Beziehungsarbeit: „Gestern hat H etwas extrem Merkwürdiges gesagt: Er begrüße jegliche Bastardisierung Deutschlands. Und verwies auf das Ruhrgebiet, wohin doch sehr viele Polen eingewandert seien, und es sei ein wunderbarer Menschenschlag entstanden. Deswegen könne er der Heterogenisierung von Völkern immer nur begeistert zuschauen. Ich war einfach baff.“

Baff ist man, wenn eine Evidenzvermutung durchkreuzt wird. Sommerfelds Evidenzvermutung teilt sie mit dem ethnischen Ursprungsdenken der neuen Rechten: Was „deutsch“ sei, das sei doch „augenscheinlich“, wie sie unlängst im „Spiegel“ erklärte. Dass sich der Augenschein nicht von selbst versteht, sondern immer nur das hergibt, was man zu sehen bereit ist (Gene, Kultur, Volkscharakter, Zufälliges), dass er, der Augenschein also ohne ein Moment von Konstruktion, über deren Triftigkeit sich dann im Einzelnen streiten lässt, gar nichts mitteilen kann – dies psychosektenmäßig in Abrede zu stellen ist das Spektakel, das Caroline Sommerfeld in den „Dialogen mit H“ aufführt, als gäbe es für diese Erfahrung des Angewiesenseins auf Konstruktion, auf Reflexion, noch schlichter: auf Einordnung gar kein Organ, als sei genau dort der blinde Fleck in ihrem Gesichtsfeld, wo Sommerfeld meint, das Evidente in Augenschein zu nehmen und damit recht eigentlich dann das Dummgebliebene meint oder in ihrem welcher Ontologie auch immer entlehnten Wort: die Substanz.

Die Rolle der Germanen

Die germanische Substanz. Sommerfelds Substantialisierungskampagne macht vor der Aura urzeitlich-heldischer Größe des Deutschseins nicht halt, sondern stellt sie ins Zentrum ihres Denkens – anders als mit einer derartig heroisch-kulturellen Vorannahme blieben die Gene stumm, die Sorge um sie als Inbegriff des Eigenen unverständlich. Wenn es um die deutsche Vereinnahmung der Germanen geht, zeigt auch die Konstruktivistenfresserin Sommerfeld ihren Sinn fürs Konstruktivistische: „Wenn sich der Begriff ,die Germanen‘ auf eine mannigfaltige Schar von Stämmen oder, noch eine Ebene darunter, auf Genotypen, die, anders als etwa Klone, selbstverständlich ,durchmischt‘ sind, rückbeziehen lässt, bedeutet das nicht, dass es entweder den Begriff ,nicht gibt‘, nicht mehr geben darf oder dass er keinen Inhalt hat.“

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