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Wahlen in Spanien : Keine AfD weit und breit

In Spanien selbst spricht man selten von „patria“, meistens von „patria chica“ oder „tierra“, wenn es um Heimat geht. Das Vaterland bedeutet nichts, die Heimaterde alles. Man muss nur einmal in der Provinz das alljährliche Dorffest zu Ehren des Dorfheiligen miterlebt haben, um diese Verbundenheit zu verstehen. Alle kommen dann zurück, ganz gleich, wo sie leben, alle fühlen sich zu Hause, und alle fahren mit feuchten Augen wieder weg. Das Wissen um diese Heimat, die kaum verlorengehen kann, weil sie auf dem Fundament der Familie, nicht der Flagge ruht, gibt eine Sicherheit, an der alle abstrakte Überfremdungsrhetorik oder Verlustpanik abprallt.

Die schwulenfreundlichste Nation der Welt

Zugleich schützt das dichte, unerschütterlich lebendige Geflecht an Riten und Traditionen die Menschen vor Identitätskrisen mitteleuropäischer Prägung. Die Katalanen bauen seit Jahrhunderten ihre Menschentürme mit Grundschulkindern als Kuppel, die Sevillaner schwelgen seit Ewigkeiten bei der „Feria de Abril“ in Flamenco-Seligkeit, und während der Karwoche geißeln sich seit tausend Jahren überall im Land junge Burschen im Büßergewand, um dadurch vom Allmächtigen bessere Examensnoten zu erbitten.

Spanien ist das beliebteste Land der Europäischen Union für Zweitwohnsitze und Altersresidenzen. Das liegt nicht nur am Wetter, sondern auch daran, dass es so hartnäckig allen seinen Stereotypen widerspricht. Seit der „Leyenda negra“, der erfolgreichsten Verleumdungskampagne der Weltgeschichte, geistert das Gespenst vom hochfahrenden, hartherzigen Spanien durch die Klischeekulissen. Dabei reicht schon ein Kurzurlaub, um es besser zu wissen. Kaum ein anderes Land ist so tolerant und entspannt, so friedfertig und egalitär wie Spanien, das nach einer Studie des Forschungsinstituts Pew Research als schwulenfreundlichste Nation der Welt gilt.

Ungehorsam, nicht Krawallsucht

In den Touristenhochburgen können sich die Urlauber ausbreiten, als wären sie bei sich zu Hause – welchen Krawall die AfD veranstalten würde, wenn Rügen Mallorca wäre, stellt man sich besser nicht vor. In den Fußballstadien geht es so friedlich zu wie beim Kindergeburtstag – die letzten Ausschreitungen zwischen den bis aufs Blut verfeindeten Fans der Großclubs FC Barcelona und Real Madrid liegen dreißig Jahre zurück. Und selbst den König darf man duzen, ohne in den Verdacht der Majestätsbeleidigung zu geraten.

Die Spanier machen das auch, weil viele von ihnen Anarchisten mit einer Royalistentarnkappe sind. „Die spanische Grundtugend ist der Ungehorsam“, schrieb Cela – wohlgemerkt: Ungehorsam, nicht Krawallsucht –, um dann eine Ahnengalerie von El Cid und Hernán Cortés über Cervantes, Quevedo bis zu Goya und Picasso aufzuzählen. Heute erweist sich dieser libertäre Geist mehr denn je als Glück. In einem Land des Ungehorsams finden Demagogen niemals eine Herde.

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