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Antirassismus : Neutralität hilft kein Stück weiter

Eine der lautesten Stimmen in der aktuellen Debatte über Rassismus: Ibram X. Kendi Bild: AP

Das Gegenteil von rassistisch ist nicht: nicht rassistisch. Sondern antirassistisch. Was das im Einzelnen bedeutet, weiß der Historiker und Bestsellerautor Ibram X. Kendi.

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          Es klingt so einfach: kein Rassist sein. Es sollte reichen, dass sich ein paar Dinge von selbst verstehen: dass man über den Tod von George Floyd entsetzt ist und die Wut der Demonstranten versteht. Dass man nicht fassen kann, wie überproportional krass die schwarze Bevölkerung in Amerika unter den Folgen der Corona-Krise leidet und nie auf die Idee kommen würde, ihre Hautfarbe sei schuld daran, dass sie überdurchschnittlich oft am Coronavirus erkrankt. Dass man das N-Wort aus seinem Vokabular gestrichen hat und den Gedanken, jemand könne besonders gut tanzen, weil seine sogenannten Wurzeln in Afrika lägen. Dass man schwarzen Frauen nicht aus Neugier ungefragt in die Haare fasst oder aus Angst die Straßenseite wechselt, wenn man nachts einem schwarzen Mann begegnet. Dass man vielleicht sogar glaubt, das meiste schon zu wissen, „was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“, um es mit dem Titel des Buchs der Journalistin Alice Hasters zu sagen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nein, sagt der afroamerikanische Historiker und Bestsellerautor Ibram X. Kendi, eine der lautesten und wütendsten Stimmen in der aktuellen Debatte über Rassismus: Womöglich ist man trotzdem ein Rassist. Rassismus sei ein Gift, gegen welches nicht einmal Schwarze immun seien, wenn sie, wie es selbst Barack Obama getan hatte, an die schwarze Eigenverantwortung appellierten und die Illusion förderten, der strukturellen Ungleichheit mit harter Arbeit entkommen zu können. Auch Kendi selbst, sagt er, sei es gewesen, als er als junger Mann andere schwarze Jugendliche für ihren Mangel an Bildung verantwortlich machte. Das Gegenteil von Rassismus, auf diese Formel bringt er es in seinem Buch „How to be an Antiracist“, sei nicht: nicht rassistisch. Sondern antirassistisch. Wer glaube, er könne sich in der Frage neutral verhalten, ändere nichts an den Verhältnissen, welche auf Jahrhunderten rassistischer Politik beruhten.

          Was jeder Einzelne gegen Rassismus tun kann

          Wer ein guter Antirassist werden will, könnte also damit beginnen, sich nicht für nicht rassistisch zu halten. Darüber hinaus bleiben die Vorschläge in Kendis Buch jedoch erstaunlich naheliegend: Er rät, den Blick für rassistische Ungleichheiten zu schärfen und für andere Minderheiten zu öffnen, antirassistische Aktionen zu unterstützen oder sich in seinem eigenen Umfeld, im Beruf oder der Gemeinde, für Veränderungen einzusetzen. Und sagt sehr wenig über die komplizierten Fragen, welche doch jene Leute umtreiben, die sich so gerne für Nichtrassisten halten. Ist es rassistisch, mit Schwarzen nicht über ihre Hautfarbe zu reden? Oder diskriminierend, sie ständig darauf anzusprechen? Soll man als Weißer überhaupt von „Schwarzen“ reden, von POC, BPOC oder BIPOC? Oder darf man darauf bestehen, dass es „die Schwarzen“ nicht gibt? Soll man als weißer Deutscher mit deutschen BPOC über die Situation Schwarzer in den Vereinigten Staaten reden, weil sie ein besseres Bewusstsein für deren Diskriminierungen haben? Oder würde man sie damit in eine große black community eingemeinden, als zählte ihre Differenz nichts?

          Am Donnerstagabend beantwortete Kendi Fragen bei einem Webinar, veranstaltet von der amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic“, für die er regelmäßig schreibt. Die Zuschauer konnten Fragen einreichen, auch ich nahm die Gelegenheit wahr, ein paar der meinen zu stellen. Und so erklärte Kendi auch dort, was jeder Einzelne gegen Rassismus tun kann, etwa mit Engagement durch Zeit, Geld oder Expertise oder durch die Lektüre von Büchern, die klarmachen, dass die Ungerechtigkeiten so viel heftiger sind, als sich das selbst halbwegs gut informierte Zeitgenossen vorgestellt haben. Dass man, um den Rassismus zu bekämpfen, nicht nur die Polizei und das Gesundheitssystem grundlegend reformieren müsste, sondern vielleicht endlich damit beginnen könnte, in „schwarzen“ Wohnvierteln den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu garantieren. Zu den Fragen, die im Kopf eines privilegierten deutschen Journalisten herumschwirren, sagte er nichts, dafür sehr viel zu Wählern, die die Politik längst aufgegeben hat, von der Lebendigkeit rassistischer Gedanken, die längst erledigt schienen, von seiner Angst vor einem Bürgerkrieg. Und gab mir damit gewissermaßen indirekt eine Antwort: Vielleicht sollten wir damit anfangen, gegen den offensichtlichen Rassismus zu kämpfen, bevor wir uns Gedanken über Mikroaggressionen machen.

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