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Neues ökologisches Bauen : Kühler wohnen!

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Die Zukunft sieht wahrscheinlich unschöner aus als Werner Sobeks Wohnhaus H 16 Bild: Werner Sobek Architekten

Jetzt ist es Manifest: Architektur kann helfen, das Klima zu retten. Doch Befürworter des ökologischen, hochgedämmten Bauens könnten an ihren Zielen scheitern. Sie sollten sich nicht wundern, wenn die Aversionen auf sie niederprasseln, meint Peter Richter.

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          Gebäudeenergiebilanz, Nullenergie, Bauteilaktivierung, Nachhaltigkeit und energetische Ertüchtigung . . . Was ist es, was einem die Augendeckel so schwer werden lässt, bei diesen Vokabeln? Warum hat man bei ihrem Klang sofort Tagungskekse vor den Augen, Filterkaffee in Thermoskannen und ein Grußwort von Klaus Töpfer? Geht es bei alldem etwa nicht um die Rettung der Menschheit? Und warum ist so etwas in der Wirklichkeit nicht einmal ein Zehntel so spannend wie im Kino?

          Diesen Freitag war wieder so ein Termin. Erst erklärte der Bundesbauminister den Architekten, warum energiesparendes Bauen wichtig ist. Dann erklärten die Architekten das Gleiche noch einmal dem Minister. Am Ausgang konnte man das „Manifest der Architekten, Ingenieure und Städteplaner für eine zukunftsfähige Architektur und Ingenieursbaukunst“ mitnehmen - (www.klima-manifest.de): eine Präambel wie von Al Gore, dazu eine Reihe Forderungen und Verpflichtungen, zu denen man nur sagen kann: Alles absolut richtig und wichtig und zwingend und dringend. Und trotzdem stimmt da etwas nicht. Das fängt schon mit den Bildern an. Achtundneunzig Prozent aller Artikel über energieeffizientes Bauen werden heute mit Glashäusern von Werner Sobek illustriert. Das machen wir hier natürlich nicht anders; wir wollen ja, dass die Seite gut aussieht (und entnehmen daher dieses Bild dem Band „Architecture of Change“ aus dem Berliner Gestalten-Verlag, in welchem sich Kristin und Lukas Feireiss große Verdienste darum erwerben, das neue ökologische Bauen so aufregend und einladend wie möglich darzustellen).

          „Tristesse des Dämmens“

          Gleichzeitig weiß aber jeder, dass dieser platonische Baukörper weder die Wahrheit noch die Zukunft sein kann, sondern nur eine nostalgische Erinnerung an die grenzenlose Moderne bei Mies van der Rohe oder Philip Johnson. Die Zukunft sieht vermutlich leider enger aus, und die Wahrheit weniger elegant. Im Normalfall ist die Energiebilanz ein Argument, mit dem Häuser beworben werden, die sonst keine Attraktivitäten aufweisen. In der Masse geht es ohnehin kaum um Neubauten, sondern um die „energetische Ertüchtigung“ des Bestandes. Was das betrifft, ist allerdings das Plakat des Bauministeriums, Häuser mit Bommelmützen, bisher noch das ästhetisch glücklichste Ergebnis. Selbst Baufachzeitschriften sprechen inzwischen offen von der „Tristesse des Dämmens“, und nicht nur Denkmalschützer artikulieren ein Unbehagen, wenn ganze Straßenzüge nach der „energetischen Optimierung“ hinter biederen Verschalungen verschwunden und Fassaden nicht einmal ihrer Proportion nach wiederzuerkennen sind.

          Architekten geht ästhetisch der Hut hoch: Bundesbauminister Tiefensee wirbt für energiesparendes Wohnen

          Wer so etwas als unangemessen geschmäcklerisches Gejammer angesichts größerer Probleme abtut, der hat zwar den Weltklimabericht auf seiner Seite, versündigt sich aber möglicherweise an seinen eigenen Zielen; er darf sich jedenfalls nicht wundern, wenn die Aversionen eines Tages auf ihn niederprasseln. Denn dass das so kommt, lehrt die Erfahrung: Dringlich war in den Fünfzigern die Auflockerung der Städte, noch dringlicher war deshalb ab den Sechzigern die Rückkehr zu einer „Urbanität durch Dichte“; als die Betongebirge dann in den Siebzigern fertig wurden, war „Erinnerung“ viel dringlicher, und wieder zwanzig Jahre später war es dann zwingend, über das postmoderne Zitatefeu die Augen himmelwärts zu drehen.

          Temperatur als soziale Größe

          Da das Versprechen des Ökologischen, einer Formulierung von Rem Koolhaas zufolge, das obligatorische Ornament jedes Bauwerks von heute ist, darf man sich um die berühmte Nachhaltigkeit dieses Ansatzes also durchaus ein paar Sorgen machen: In zehn Jahren werden die, die es sich leisten können, womöglich hohe Extracourtagen für Altbauten ohne bonbonfarbene Dämmung hinlegen; sie werden, der feineren Profilierungen wegen, die hölzernen Kastenfenster wieder einbauen und sich zu runden Geburtstagen mit diskret erworbenen 100-Watt-Birnen eine Freude machen.

          Das Ärgernis beim Planen ist und bleibt der Mensch in seiner Bockigkeit; darüber haben sich die, die damals kybernetische Paradiese aus Plattenbauten projektiert haben, auch schon sehr gewundert. Die meisten Projekte für grüne Hightech-Häuser wollen nicht einmal mehr Wohnmaschinen sein, sondern autark lebensfähige Organismen mit „reagiblen“ Klimahüllen und einer Haustechnik, gegen die unser zentrales Nervensystem unterkomplex und unanfällig genannt werden muss. Dem Menschen kommt in solchen Gehäusen letztlich die Rolle eines Virus zu; er schwitzt, er friert, er stört, er kämpft - wie in „2001“ - still gegen den Zentralcomputer und sollte im Interesse des reibungslosen Funktionierens der Klimatechnik am besten ausgeschieden werden.

          Architekten und Ingenieure müssen aus beruflichem Interesse das Neue wollen, neue Technologien, neue Wohnformen, letztlich: neue Aufträge. Und es ist nicht unsympathisch, wenn sie das alles jetzt in der Energieeffizienz suchen statt in China. Der Rest der Welt darf sich aber fragen, ob es nicht auch ökologisch ganz sinnvoll wäre, sich im Bestehenden etwas schonender einzurichten, denn vielleicht ist Temperatur auch eine soziale Größe, und die Energien, die in den Häusern gespeichert sind, tragen nicht nur physikalische Einheiten; und sogar gegen die Versprechen von solipsistischen Hightech-Höhlen und Smart Homes, selbst wenn sie so gut aussehen wie bei Sobek, spricht immer noch ziemlich überzeugend ein eher volkstümliches Energiesparrezept: Stecker raus.

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