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Neues Autodesign : Das Leben, vom Tode her gedacht

Böse schauen, sonst verkauft es sich nicht in einer harten Welt: Der neue Hyundai Veloster Turbo in Detroit

Es ist ein seltsames, nur psychologisch erklärbares Symptom, dass ausgerechnet in der weitgehend offroadfreien westlichen Welt, in einer der längsten Friedensphasen der Geschichte, alltägliche Verrichtungen wie einkaufen oder Kinder zur Schule fahren immer mehr mit Autos erledigt werden, deren Optik sich an klassischem Kriegsgerät orientiert. Und die, wie die SUV, zu viel verbrauchen. Die Problematik ist bekannt - hätten amerikanische Autos denselben Durchschnittsverbrauch wie Autos in Italien, wären die Vereinigten Staaten von Erdölimporten aus der arabischen Welt unabhängig.

Als schwebe sie lautlos in der Luft

Was ist die Lösung? Die einfachste lautet: Man betrachtet, wenn man es sich leisten kann, das Auto als Kunstwerk, nicht als Gebrauchs-, sondern als Luxusgegenstand, den man selten und wenn, dann exzessiv genießt - so, wie man nicht jeden Tag eine Flasche Pomerol trinkt. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass etwa China sich von diesem Konzept überzeugen lässt. Man wird den Hunderten von Millionen neuer Autofahrer dort schlecht klarmachen können, dass sie, im Gegensatz zu uns, bitte nicht in dicken Autos, sondern auf selbstgestrickten Elektrorollern zur Arbeit sirren mögen, weil sonst die Luft auf dem Planeten für alle sehr schnell dünn wird. Man wird sie höchstens zu ökologisch vertretbaren Spaßvehikeln verführen können, und dahin ist es ästhetisch noch ein weiter Weg: Die neuen Elektroautos sind entweder gähnmanipulierte Einfallslosigkeiten wie der depressiv unattraktive Renault Fluence oder der ebenfalls nach Kräften grimmig guckende Opel Ampera.

Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt, hat Napoleon gesagt; das gilt auch fürs Autodesign. Die Entwerfer von Audi haben die Frontscheinwerfer in Formen gebogen, die an die Hörner eines Stiers und die Silhouette eines Bären erinnern sollen, tatsächlich sehen die Wagen von vorn wie Kühe mit Weihnachtsdekoration aus, während die Rückleuchten des letzten Audi A6 seltsamerweise an glühende Büroklammern erinnerten - als seien sie ein böser Kommentar auf die aktenordnerhafte Existenz des Dienstwagenbesitzers. Das Autodesign ist in einer Phase maximalen Manierismus angekommen. Weil durch die Sicherheitsvorgaben fast alles definiert ist, müssen sich die Designer im Detail austoben. Ergebnis: Das Blech der Hyundais und Citroëns sieht aus, als hätte der Entwerfer beim Bügeln den Finger in die Steckdose bekommen: ein Liniensalat aus Knicks, Wellen, Dellen und Kurven, die für drei Entwürfe gereicht hätten. Dabei wäre es Zeit für eine neue DS - die so ästhetisch bahnbrechend war, weil sie schon damals alles hatte, was Hybrid- und Elektroautos heute auch brauchten: strömungsgünstig verkleidete Kotflügel, eine gestreckte, im Windkanal geformte Karosserie und eine Anmutung, als rolle sie nicht unter heftigem Motorexplosionslärm über die Erde, sondern schwebe lautlos in der Luft.

Sie hatte alles, was Hybrid- und Elektroautos heute auch bräuchten: die ästhetisch bahnbrechende Citroen DS

Warum so etwas nicht gebaut wird? Weil, sagen die Designer, den Kunden das Auto dann nicht aggressiv genug aussieht. Aber vielleicht liegt da die Marktforschung ja auch mal falsch; vielleicht gibt es ja doch auch ein paar Leute, die gern ein Auto hätten, dessen Design einem nicht jeden Morgen den gleichen traurigen Witz erzählt.

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