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Neues Autodesign : Das Leben, vom Tode her gedacht

Sie sehen nur so sicher aus

Sicherheit dominiert alles. Die seltsamen, von der Fahrzeugskulptur durch eine hässliche Fuge getrennten Gumminasen, die neue BMWs vorne tragen: Vorbereitungen auf einen Aufprall. Die ganze Karosse: geprägt von den Anforderungen eines angenommenen Crashs, vollgestopft mit Airbags, Abriegelungen und diversen Stabilitätsprogrammen.

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Was aber ist dagegen zu sagen, dass Autos immer sicherer werden? Nichts - nur dass die Ästhetik der Sicherheit paradoxerweise oft in ihr Gegenteil führt. Vor allem die SUVs, die burgensolide auf ihren dicken Reifen stehen, sind im Grenzbereich schwerer kontrollierbar und kippen leichter um.

Fressen und Gefressenwerden

Man kann spekulieren, ob das Phänomen, das Ding von der Möglichkeit des Todes her zu denken, Symptom einer Gesellschaft ist, die sich nicht mehr, wie in den siebziger Jahren, auf eine Idee von Freiheit, sondern von Sicherheit orientiert. Vorratsdatenspeicherung und die Überwachung des öffentlichen Raums werden zum großen Teil akzeptiert - weil es der Sicherheit dient. Die Begegnung mit dem Fremden im öffentlichen Raum ist von einem Versprechen zur Angstvorstellung geworden und wird als potentiell lebensgefährlich imaginiert. Terror, Aids, Crash: Der Mann mit dem Turban könnte ein Attentäter sein, der nette Mensch an der Bar eine gefährliche Krankheit in sich tragen, jederzeit werden Kollision, Attacken, Übergriffe von Jugendbanden, Unruhen aller Art befürchtet.

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Die Frontpartien der allermeisten aktuellen Autos scheinen diese Hysterisierung abzubilden. Sie sehen aus wie die Masken einer griechischen Tragödie; man sieht angstverzerrte, von Panik ergriffene Fratzen, weit offen stehende, schreiende Kühlermünder, Scheinwerfer in Form leuchtender Zornesfalten, vergitterte Metallrachen, als ernähre sich der Wagen nicht von Benzin, sondern von unzerkleinerten Huftieren und bewerbe sich außerdem um eine Rolle im Park von Bomarzo. Den übrigen Verkehrsteilnehmern reckt das Auto ein mit Leucht- und Chromzähnen bewehrtes Kühlermaul entgegen, das jedes pseudomittelalterliche Jahrmarktmonster zieren würde und mitteilt, dass der Fahrer den öffentlichen Raum für einen Ort hält, an dem es ums Fressen und Gefressenwerden geht.

Das Wohnzimmer ist immer dabei

Während selbst Kleinwagen wie der Ford Fiesta ST Concept außen eine Form von turbobellizistischer Supermobilität an den Tag legen, wird das Auto innen dagegen immer mehr zur Immobilie, die eine behagliche Dämmrigkeit ausstrahlt: Wo früher mit dünnen Lenkrädern, dürren Schaltknüppeln, kaltem Kunstleder und viel Blech das Ideal des souveränen aktiven Maschinisten verlangt wurde, herrscht im Inneren der aktuellen Autos eine dem kämpferischen Äußeren eigenartig entgegenstehende Atmosphäre radikaler Gemütlichkeit: Plüschsessel, tausend Knöpfe, Lämpchen, Holzfurnier - es regiert die gleiche überfüllte Gemütlichkeit, die man aus Wohnzimmern kennt. Das Auto, einst Symbol des Aufbruchs, der Flucht aus immobilisierten Verhältnissen, führt das Wohnzimmer jetzt immer bei sich.

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