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Suche nach den Hintergründen : Wer hat gezielt in Leeds, Paris und Orlando?

Munition für die AR-15, die Waffe des Attentäters von Orlando Bild: AFP

Ein neuer Typus von Terroristen zeigt sich durch namhafte Ideologien oder Organisationen weniger gesteuert als „inspiriert“. Fragwürdige Bekenntnisse zu den Trademarks des Bösen.

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          War es wirklich der Hass auf Homosexuelle, der Omar Mateen dazu trieb, 49 Besucher eines Nachtclubs in Orlando zu ermorden? War es der Kampf für den „Islamischen Staat“, der Larossi Abballa im Pariser Vorort Magnanville einen Polizisten und seine Frau erschießen ließ? War der Mann, der in der Nähe von Leeds die britische Abgeordnete Jo Cox tötete, ein fanatischer Rechtsextremer? Oder war das alles einfach nur Wahnsinn, Wut, Verzweiflung, Pathologie?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist ja nicht zu leugnen, dass wir in irren Zeiten leben, dass die Debatten unversöhnlicher und die Politiker immer böser werden - und deshalb liegt es nahe, sich die schreckliche Häufung der brutalen Verbrechen als Symptom einer aufgeheizten gesellschaftlichen Atmosphäre vorzustellen, wenn nicht als deren direkte Folge. Wenn überall der Hass an die Macht drängt, muss man sich nicht wundern, dass er auch dort zunimmt, wo er sich nicht artikulieren kann oder will. Dass hinter all den Attentaten politische Motive stecken, ist ein Verdacht, den man schon aus Respekt vor den Opfern ernst nehmen muss: Es ist eben nicht irrelevant, wer sie waren und wofür sie gehasst wurden; sondern womöglich Ausdruck gesellschaftlicher Ressentiments, gegen die man sich nicht erst dann wehren darf, wenn sie Todesopfer fordern. Dass es ein Akt der Entpolitisierung ist, nur den Terror zu sehen und nicht den Terrorismus, muss man nach den Morden des NSU niemandem erklären.

          Womöglich ist nichts politischer als der Wahnsinn

          Die Frage ist nur, ob die Suche nach den Hintergründen solcher Morde, nach ihren ideologischen oder religiösen Motiven tatsächlich dabei hilft, sie zu erklären, geschweige denn sie zu vermeiden. Oder ob nicht die Zuschreibung einer bestimmten Urheberschaft, die Verknüpfung der Tat mit einem aktuellen Muster so fragwürdig ist wie die Bekenntnisse der Mörder zu den jeweils amtierenden Trademarks des Bösen. Dass solche ideologischen Begründungen in die Irre führen, darauf deutet beispielhaft das Verhalten des Mörders von Orlando hin, dem sein Bekenntnis gleichermaßen dringliches Bedürfnis (er äußerte es per 911-Notruf kurz vor der Tat) wie gleichgültig war: Angeblich schwor er nicht nur dem „Islamischen Staat“ die Treue, sondern sicherheitshalber auch noch einer Reihe konkurrierender Terrororganisationen.

          Wie wenig solche Formeln die Taten erklären, sieht man auch, wenn man sich die Liste der Figuren anschaut, welche jeweils als aktuelle Inkarnation jener Typen gelten, die der Soziologe Stanley Cohen 1972 als „folk devils“ beschrieben hat: Zu seiner Zeit waren Mods und Rocker die Chiffre für besinnungslose Gewalt, später machte man Filme und Videospiele verantwortlich. Heute stellt der Politikwissenschaftler Olivier Roy eine „Islamisierung des Radikalismus“ fest, was nichts anderes heißt, als dass der Islamismus derzeit ziemlich weit vorne liegt im Kampf um den Titel globaler bad guys.

          Die Taten einfach mit dem Wahnsinn zu begründen, mit einer individuellen krankhaften Entwicklung der Täter, wie sie etwa den Mördern von Orlando und Leeds attestiert werden kann, erscheint dagegen immer als Kapitulation der Aufklärung; als Eingeständnis, dass man gegen die irrationalen Ausbrüche einzelner Irrer nicht viel tun kann, außer vielleicht ihnen den Zugang zu Waffen zu erschweren. Dabei ist womöglich nichts politischer als der Wahnsinn. Die völlig unberechenbare Figur des „einsamem Wolfs“, jenes neuen Typus von Terroristen, der sich, wie die Mörder der vergangenen Woche, durch namhafte Ideologien oder Organisationen weniger gesteuert als „inspiriert“ zeigt, passt zwar auch den Strategen des IS gut in ihr Kalkül. Am Ende aber weist sie vor allem darauf hin, wie heftig Menschen heute an ihrem sozialen Unglück verzweifeln können, an alltäglichen Demütigungen, Zurückweisungen, Zwängen. Wenn das kein politisches Problem ist, gibt es keine. Es ist nur keine Form des Wahnsinns, die sich durch einfache Rezepte bekämpfen ließe - durch Therapien, Drogen, Drohnen oder neue Apps. Man müsste damit anfangen, die Ärzte zu behandeln.

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