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Neuer Populismus : So einer wie Donald Trump

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Ehrlich währt nicht unbedingt am längsten: Donald Trump zählt sich nicht zum scheinheiligen Pack der Politiker. Bild: dpa

Die Steigerung von Politikverdrossenheit hat einen Namen: Donald Trump. Paradoxerweise ist der Unternehmer damit politisch sehr erfolgreich. Wie viel Trump verträgt die Welt? Ein Gastbeitrag

          In den Augen seiner Anhänger kann Donald Trump, der sich um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bewirbt, nichts falsch machen. In den vergangenen Monaten hat der Milliardär mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger verunglimpft, sich über John McCain, einen verehrten Kriegshelden, lustig gemacht, und Megyn Kelly, einer beliebten Fernsehmoderatorin, unterstellt, sie habe ihn nur kritisiert, weil sie gerade ihre Regel hätte. Nach jeder Entgleisung prophezeiten ihm Experten einen Absturz in den Meinungsumfragen. Jedes Mal lagen sie falsch.

          In Deutschland wird der unaufhaltsame Aufstieg Trumps zumeist als Symptom einer spezifisch amerikanischen Krankheit gewertet. In keiner anderen Demokratie der Welt, so heißt es, ließen sich Wähler bei der Stimmabgabe so offen von ihrer Habsucht leiten, scherten sie sich so wenig um weniger privilegierte Mitbürger, wären sie politisch derart ignorant. Nur im hasserfüllten ungebildeten Amiland könnte so einer wie Trump erfolgreich sein.

          Symbolfigur der Politikverdrossenheit

          Deshalb sind Amerika-Kritiker von Trumps Erfolg geradezu verzückt. Wenn ein begabter Karikaturist von einem kommunistischen Propagandaministerium den Auftrag bekommen hätte, einen uramerikanischen Bilderbuchschurken zu zeichnen, dann hätte er eine Figur wie „The Donald“ erfunden: einen Mann, der von der wichtigtuerischen Miene bis zu den hin und her gefalteten Haaren stolz den banausischen reichen Mann verkörpert. Jemanden, dem außer Geld und Busen, Erfolg und Macht nichts heilig ist.

          So verlockend diese Interpretation auch sein mag, sie liegt doch grundfalsch. Trump ist nicht – oder zumindest nicht nur – die Verkörperung des Verfalls des amerikanischen Politikmodells. Vielmehr ist er ein Symptom für eine viel tiefergehende und internationale Krise der Demokratie. Mit ein paar kosmetischen Veränderungen könnte eine europäische Variation von „The Donald“ auch in Europa zu unverhoffter Popularität finden.

          Im Kern nährt Trumps Kandidatur sich von der tiefen Politikverdrossenheit der Bürger – und die liegt in Teilen Europas auf ähnlich hohem Niveau wie in Amerika. Früher identifizierten sich die meisten Wähler genügend mit einer Partei oder einer Person, um dem System als Ganzem treu zu bleiben. „Die Politiker sind ein Pack“, klagten sie, aber der Konrad oder der Willy, das war etwas anderes. Solchen Persönlichkeiten traute man noch.

          „Ich gebe allen Geld – das System ist kaputt“

          Mittlerweile ist die Politikverdrossenheit jedoch so weit vorangeschritten, dass selbst selektives Vertrauen in die Politik abhandengekommen ist. Viele Wähler vertrauen grundsätzlich keinem Politiker mehr. Die immer verzweifelteren Anbiederungsversuche der etablierten Parteien helfen da nichts. Wenn ein Politiker zu beweisen versucht, dass er grundehrlich sei, werten viele Wähler gerade das als schlagenden Beweis für seine Verlogenheit.

          Trump hat die Tiefe dieser Vertrauenskrise verstanden. Er weiß, dass Wähler auch ihn als Politiker niemals als ehrlich wahrnehmen werden. Von seinen republikanischen Rivalen dafür angegriffen, dass Trump in seiner Karriere regelmäßig Geld an Politiker der Demokraten gespendet hat, macht er aus der Eigennützigkeit solcher Wahlkampfspenden keinen Hehl: „Ich bin Geschäftsmann. Ich gebe allen Geld. Wenn mich jemand anruft, gebe ich ihm Geld. Und wissen Sie was? Wenn ich zwei, drei Jahre später etwas brauche, ist er für mich da. Das System ist kaputt.“

          Eigentlich hätte es Trump hochnotpeinlich sein müssen, dass ausgerechnet die bei den Republikanern verhasste Hilary Clinton Gast seiner Hochzeit war. Aber Trump verwandelt seine vermeintliche Freundschaft mit Clinton zu einem weiteren Beweis für die Korrumpierung des Systems: „Ich habe zu Hilary gesagt: Komm zu meiner Hochzeit, und sie kam zu meiner Hochzeit. Warum? Weil sie gar keine Wahl hatte.“ Statt es zu verheimlichen, brüstet Trump sich regelrecht damit, aus solchen Bekanntschaften wirtschaftlichen Nutzen geschlagen zu haben.

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