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Gedenkstätte für Judenretter : Ein fehlendes Puzzlestück

Der Einzelne und sein Gewissen: Blick in die neue Dauerausstellung mit einem Foto des Krakauer Apothekers Tadeusz Pankiewicz Bild: Gedenkstätte Stille Helden

Neben den deutschen Helfern, die verfolgten Juden das Leben retteten, gab es zahlreiche Menschen in ganz Europa, die das Mordprogramm der nationalsozialistischen Rassenpolitik sabotierten. An sie erinnert die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Stille Helden in Berlin.

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          Im März 1941 trat der Krakauer Apotheker Tadeusz Pankiewicz ins Licht der Geschichte. In diesem Monat richteten die deutschen Besatzer rings um die Apotheke, die Pankiewicz in einem Viertel der Stadt am Wawel betrieb, das Krakauer Getto ein. Pankiewicz wurde aufgefordert, seinen Laden zu verlegen, doch er weigerte sich. In den zweieinhalb Jahren bis zur Auflösung des Gettos versorgte er dessen Bewohner mit Medikamenten und Lebensmitteln, schmuggelte Nachrichten und versteckte mehrere verfolgte Juden in seinen Geschäftsräumen. Nach dem Krieg schrieb er ein Buch über seine Erlebnisse. 1983 wurde Pankiewicz in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt. Seit gestern widmen sich auch einige Text- und Bildtafeln der Dauerausstellung „Stille Helden“ in der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand seinem Tun.

          Verstecke in Kirchen und Bauernhäusern

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Gedenkstätte Stille Helden, wie sie offiziell heißt, ist ein Nachzügler der staatlichen Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Shoah. Erst in den neunziger Jahren erhielt das Gedenken an die zivilen und militärischen Judenretter einen eigenen Ort in der ehemaligen Blindenwerkstatt des Fabrikanten Otto Weidt in Berlin-Mitte. Als deren Räume zu klein wurden, wanderte die Ausstellung 2018 in den Bendlerblock am Tiergarten. Doch auch hier konnte zunächst nur von deutschen Widerständlern berichtet werden, welche die nationalsozialistische Rassenpolitik sabotierten. Die neue Dauerausstellung vollzieht jetzt den fälligen letzten Schritt, indem sie das Thema um die europäische Perspektive erweitert.

          Es geht also im dritten Stock des Bendlerblocks nicht mehr nur um Helmuth Groscurth, Maria von Maltzan, Harald Poelchau und Oskar Schindler, sondern auch um den Letten Jänis Lipke, der mit seiner Familie Dutzende Deportierte aus dem Getto von Riga rettete, um die Kirchengemeinde von San Gioacchino in Rom, die unter dem Dach ihres Gotteshauses jüdische Italiener verbarg, oder um den Albaner Refik Veseli, der eine jüdische Familie aus Serbien in seinem Elternhaus in den Bergen versteckte. Und um viele andere mehr.

          Das Ausstellungsdesign stammt von Ursula Wilms, die auch die Stiftung Topographie des Terrors eingerichtet hat. Es verbindet äußerste Anschaulichkeit mit zweckmäßig gestaffelter Information: große Bild- und farbige Texttafeln mit verschiedenen Schriftgrößen, interaktive Bildschirme, die über das Geschehen in einzelnen Ländern, über Helfer und Fluchtrouten aufklären. Damit schließt die Gedenkstätte Deutscher Widerstand endgültig an die anderen Orte in Berlin an, die an die Vernichtung der europäischen Juden erinnern, das Holocaustmahnmal, das Jüdischen Museum, die Dauerausstellung auf dem Prinz-Albrecht-Gelände. Die „stillen Helden“ sind das Puzzlestück, das noch gefehlt hat.

          Stille Helden – Widerstand gegen die Judenverfolgung in Europa 1933 bis 1945. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin. Der Katalog kostet 10 Euro.

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