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Neue Weltwunder : Na, das sieht aber ziemlich alt aus

Hiesiger Kandidat: Neuschwanstein Bild: picture-alliance/ dpa

Eine Hafeneinfahrt, ein Schrebergarten, ein Wegweiser, ein Götzenbild, eine Art Kirche und zwei überdimensionierte Begräbnisanlagen - gut, daß wir endlich neue Weltwunder wählen dürfen. Die Kandidaten aber sind alt wie eh und je. Aus Deutschland auf der Liste: das „Märchenschloß“ Neuschwanstein.

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          Es war fürwahr an der Zeit. Was hatte uns die Kulturgeschichte denn als Weltwunder zu bieten? Eine Hafeneinfahrt, einen Schrebergarten, einen Wegweiser, ein Götzenbild, eine Art Kirche und zwei überdimensionierte Begräbnisanlagen. Und von all diesen angeblichen Wunderwerken war überhaupt nur eins stabil genug, daß wir es noch begutachten können. Ansonsten müssen wir uns auf das Urteil eines gewissen Sidon verlassen, dessen Ableben vor mehr als zweitausend Jahren nicht dafür spricht, daß er wußte, was uns heute bemerkenswert erscheinen könnte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wer sich etwa die kläglichen Trümmer des Mausoleums von Halikarnassos im Archäologischen Museum von Istanbul ansieht (zwei Objekte; der zugegeben etwas repräsentativere Rest liegt in London), der wird das Rathaus seiner Heimatstadt wieder schätzen lernen. Und so schön sind die Pyramiden ja nun auch nicht, recht klobig, um genau zu sein. Also war es längst überfällig, mit frischgemutem Blick die Weltwunder der Neuzeit zu bestimmen. Lob und Preis einem gewissen Herrn Weber, der vor sechs Jahren die Idee dazu hatte und bereits jetzt, mittlerweile vom Unesco-Generaldirektor Federico Mayor beschirmt, die einundzwanzig Kandidaten für den Titel (heutzutage muß es ja Englisch sein) „New7Wonders“ vorgestellt hat.

          Sollen sie den Pokal doch behalten

          Die Internetabstimmung läuft das ganze Jahr lang, ehe am 1. Januar in einer weltweit übertragenen Live-Sendung, die vielleicht Premiere vor dem Konkurs retten könnte, die Gewinner und neuen sieben Weltwunder bekanntgegeben werden sollen. Daß es wieder sieben sein müssen - geschenkt! Immehin ein interessanter Beleg für die historische Überlegenheit des Septimalsystems. Aber wer steht nun zur Wahl? Wieder nur altes Geraffel! Hatte Rimbaud nicht verkündet: „Il faut être absolument moderne“? Aber aus den Jahren seit seiner Geburt (1854) wurden mit Müh und Not fünf Kandidaten gefunden, und allein zwei davon sind Schöpfungen des Gustave Eiffel: der nach ihm benannte Turm und die Freiheitsstatue.

          Hiesiger Kandidat: Neuschwanstein Bilderstrecke

          Außer diesen zwei Metallarbeiten soll uns das neunzehnte Jahrhundert nur noch - ausgerechnet - durch das Schloß Neuschwanstein erfreut haben, womit dieses Äon immerhin noch das zwanzigste Jahrhundert hinter sich läßt, das anscheinend nur auf der Südhalbkugel mit der Erlöserstatue von Rio de Janeiro und der Oper von Sydney Wunderbares hervorgebracht hat. Und die Technischen Rathäuser? Nichts davon.

          Ansonsten sind vorgeschlagen (in umgekehrt grober Reihenfolge ihres Entstehens): Timbuktu, Kiyomizu-Tempel, Kreml, Machu Picchu, Statuen der Osterinseln, Angkor, Alhambra, Chichen Itza, Hagia Sophia, Kolosseum, Chinesische Mauer, Akropolis, Petra, Stonehenge und - Gipfel der Einfallslosigkeit - schon wieder die Pyramiden. Wenn die es nochmal werden, sollten sie den Pokal endlich behalten dürfen. Das sollen die Wunder des Jahres 2006 sein? Stonehenge ist ja älter als alles, was Sidon außer den Pyramiden gekannt hatte. Mein Gott, war das noch ein Mann fürs Zeitgenössische! Man sehnt sich in die Antike zurück.

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