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Neue Wege der Diskurs-Guerilla : Jetzt hilft nur noch Verwirrung

Kann es gelingen, sich die Identitätsmarker der anderen Seite zu eigen zu machen, um wieder zu einem Gespräch zu kommen? Bild: Kat Menschik

Ob Corona, Trump oder Identitätspolitik: Ein Streit mit Argumenten und Fakten scheint immer schwieriger zu werden. Wie kann man aber die Abschottung der Lager überwinden? Die Diskurs-Guerilla sucht neue Wege.

          7 Min.

          Was man landläufig „Verschwörungstheorie“ nennt, ist vielleicht die präzisest mögliche Bezeichnung für die Form, in der die Öffentlichkeit heute insgesamt erscheint. Ob es nun um Corona, Flüchtlinge, Identitätspolitik oder in Amerika um Trump geht: In vielen Konflikten bewegen sich die entgegengesetzten Lager in so verschiedenen Kommunikationswelten, dass sie einander wechselseitig nur noch als Ergebnis von Verschwörungen deuten können, und mithin als für Argumente und Fakten nicht mehr erreichbar. Nicht nur der gemeinsame Boden dessen, was als wirklich gelten kann, bricht da weg, sondern offenbar auch der Boden einer von allen geteilten Rationalität, innerhalb derer ein Streit unterschiedlicher Auffassungen überhaupt möglich wäre. Die Berufung auf eine universelle Vernunft wird da vielfach schon als besonders infamer Trick der Gegenseite diskreditiert. Statt dessen dienen Begriffe und Ideen nur als Duftmarken, mit denen die einzelnen Lager sich und ihr Gegenüber identifizieren, als Medium nicht der Diskussion, sondern der wechselseitigen Abschottung.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die amerikanische Publizistin Anne Applebaum machte kürzlich in der Zeitschrift „The Atlantic“ darauf aufmerksam, dass die unterschiedlichen Stammessphären, in die sich die Öffentlichkeit aufgespalten hat, nicht nur unterschiedliche Meinungen hervorbringen, sondern oft auch verschiedene Medien und von ihnen entsprechend generierte verschiedene Fakten. Sich einfach auf Tatsachen oder die Kraft des besseren Arguments zu berufen, erscheint da zunehmend als hilflos und naiv; es gibt den Rahmen einer von Rationalität bestimmten Diskursordnung, in der solche Kategorien ihre Wirkung entfalten könnten, nicht mehr fraglos.

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