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Neue Studie zur Migration : Besser alles gut

  • -Aktualisiert am

Kundgebung unter dem Motto „Herz statt Hetze“ am 1. September in Chemnitz Bild: dpa

Eine neue Studie zur Migration will nichts von Konflikten wissen. Tatsächlich gibt es für eine Mehrheit der Befragten keine Probleme. Aber ist ein gesellschaftlicher Konflikt dadurch gelöst?

          Man hätte in letzter Zeit den Eindruck gewinnen können, dass es rumort in der deutschen Gesellschaft, dass nach divergierenden Meinungen entweder das Abendland oder die Demokratie untergeht, dass sich Stämme bilden, die sich um unterschiedliche Wirklichkeiten versammeln. Aber am vergangenen Montag wurde klar: Es ist alles in Butter. Da hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration das diesjährige Integrationsbarometer präsentiert, eine Studie über die Einstellung von Deutschlands Bewohnern zur Migration.

          „Flüchtlingskrise ist für die Deutschen gar keine Krise“, titelte daraufhin die „Huffington Post“. Und auch die Kommentatorin des Deutschlandfunks meinte, dass es langsam mal gut sei mit dem Thema. Zuwanderung sei Normalität nicht Problem, „die meisten in unserem Land haben dies längst erkannt“. Auch das sonstige Medienecho folgte dem Tenor der Pressemitteilung: Es mag zwar überraschen, aber nun ist alles gut. Tatsächlich gibt es für eine Mehrheit der Befragten bei Zuwanderung und Integration keine Probleme. Aber ist ein gesellschaftlicher Konflikt dadurch gelöst, dass auf der einen Seite mehr Menschen stehen? Die Mehrheit auf seiner Seite zu wissen, scheint hier davon zu entbinden den Riss zu problematisieren, der von der anderen Seite trennt: Die Minderheit ist überstimmt, sie möge verstummen. Ein Problem wird ausgeblendet.

          Es ist doch wohl keine allzu verstiegene Naivität, kein übermäßig lebensfremder Vernunftoptimismus, zu glauben, dass man Probleme am besten angehen kann, wenn man sich mit ihnen eingehend auseinandersetzt – anstatt darüber hinwegzulächeln. Aber vor der Wahl stehend, ob Weichspüler oder Wirklichkeit, entscheiden sich die Autoren der Studie für die Variante „Frühlingsduft“. Es wird alles blumig parfümiert, was in irgendeiner Weise nach Konflikt riechen könnte.

          Geht es hier um Erkenntnisgewinn?

          Bezüglich der Frage, ob Flüchtlinge die Kriminalität in Deutschland erhöhen, sei das Meinungsbild „nicht eindeutig“. Die Bevölkerung sei in dieser Frage „unentschieden“, gerade so als wäre die Bevölkerung ein Monolith, der sich in die eine oder die andere Richtung neigt. Wenn man Bevölkerung hingegen als Ansammlung von Individuen mit jeweils ganz eigenen Einstellungen betrachtet, gibt es keinen Grund das Ergebnis als „nicht eindeutig“ zu bezeichnen. Auch Unentschiedenheit ist aus den Daten nicht abzulesen, denn jeder einzelne Befragte hat sich durchaus entschieden. Und so zeigen die Daten eben eine große Meinungsverschiedenheit, die die Bevölkerung ziemlich genau in der Mitte teilt – und das hinsichtlich einer Aussage, die eigentlich nicht per Meinungsmessung, sondern per Kriminalstatistik zu klären wäre.

          Bei der Frage, ob Lehrerinnen im Unterricht ein Kopftuch erlaubt sein soll, ist die Mehrheit nicht „zurückhaltend“, wie der Bericht es benennt, ebenso wenig ist sie „skeptisch“, also zweifelnd, nein, sie ist die dagegen. Auch wenn es wünschenswert wäre, dass Umfragen auch mal Zurückhaltung und Skepsis messen, Tugenden der Vernunft, statt jedem Befragten eindeutige Meinungen abzupressen.

          Gar nicht erst berichtet werden jene Ergebnisse aus dem Fragenkomplex Flüchtlinge, die vermutlich die tiefste Spaltung gezeigt hätten. Die Statements „Die aufgenommenen Flüchtlinge erhöhen die Gefahr terroristischer Anschläge“, und „Falls Flüchtlinge länger in Deutschland leben, sollten sie ihre kulturellen Lebensweisen aufgeben“, finden sich zwar im Fragebogen, aber im Bericht werden sie nicht beziffert.

          Geht es hier um Erkenntnisgewinn oder um die Freude an einer guten Nachricht? Das Integrationsbarometer ist eine aufwendige Studie, die mit ihren fast 10.000 Befragten erlauben würde, tief hineinzuzoomen, Ursachenforschung zu betreiben, Handlungsempfehlungen zu geben, die nicht schon vor der Auswertung feststanden. Der sogenannte Sachverständigenrat könnte die Welt besser machen, aber er zieht vor, alles gut zu finden.

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