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Sudetendeutsches Museum : Wie an Vertreibung erinnern?

Zeitgemäß: Die Architektur des Sudetendeutschen Museums hebt sich stark vom angrenzenden Sudetendeutschen Haus ab Bild: SvenSimon

75 Jahre nach der Nachkriegsvertreibung von Deutschen aus Ostmitteleuropa eröffnen drei neue Museen: in München, Berlin und und im tschechischen Aussig. Sie wagen sehr unterschiedliche Blicke auf das Thema.

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          Hinter dem gläsernen Foyer leuchtet ein Zitat von Václav Havel: „Nichts Geringeres und nichts Größeres als das Erlebnis namens Heimat.“ Gründervater des neuen Sudetendeutschen Museums in München ist der tschechische Dichterpräsident nicht. Als solcher kann Edmund Stoiber gelten, der als bayerischer Ministerpräsident 2006 die vertriebenen Deutschen aus dem heutigen Tschechien aufrief, sich ein eigenes Museum zu bauen. Nach Jahren konzeptioneller Überarbeitungen und baulicher Verzögerungen ist es nun vom jetzigen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und von Kulturstaatsministerin Monika Grütters eröffnet worden.

          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Schon die markante Architektur fast ohne rechten Winkel zeigt, dass die Heimatvertriebenen das Stigma der Ewiggestrigen ablegen wollen. Auch im Inneren geht es zeitgemäß zu. Die rund 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind barrierefrei zugänglich und alle Beschreibungen auf Deutsch, Tschechisch und Englisch gehalten. Bernd Posselt, der „Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe“, ließ vor wenigen Jahren die Forderung nach „Wiedergewinnung der Heimat“ aus der Satzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft streichen. Der konservative Europaenthusiast aus der Paneuropa-Denkschule hat den Verband von deutschnationalem Ballast befreit und lässt keine Gelegenheit aus, die Vertriebenen als Brückenbauer zu Ostmitteleuropa darzustellen.

          Gibt es eine „sudetendeutsche“ Geschichte?

          Wer das Museum betritt, erfährt gleich auf der ersten Tafel, dass es die Sammelbezeichnung der „Sudetendeutschen“ so lange noch nicht gibt. Sie setzte sich erst in der 1918 gegründeten Ersten Tschechoslowakischen Republik durch. Die Dauerausstellung sei kulturgeschichtlich konzipiert, sagt der Museumsleiter Michael Henker. Dem Besucher tönt zur Begrüßung ein Stimmengewirr von unterschiedlichen deutschböhmischen und deutschmährischen Dialekten entgegen. Zentral für die Schau sei ein „nicht ideologischer Heimatbegriff“, betonte Henker schon bei einer Online-Podiumsdiskussion des Forschungsinstituts Collegium Carolinum zur Eröffnung des Museums. Denn die Ausstellung soll weder unter Vertriebenen und deren Nachfahren noch in Tschechien Anstoß erregen.

          Man wolle Gegenstände zum Reden bringen, sagt Henker, ein gebürtiger Österreicher. So wird das zentrale Thema „Heimat“ etwa durch den Nachbau eines Aussichtsturms im Altvatergebirge illustriert. Es ist eine Schülerarbeit von 1960, die eine generationenübergreifende Heimatverbundenheit veranschaulicht. Zudem wird vermittelt, dass die Deutschen aus den böhmischen Ländern ein Volk voll Schaffenskraft und Erfindergeist waren. Das zeigt etwa ein 1900 im südböhmischen Winterberg gedruckter Koran im Miniaturformat. Oder das in den zwanziger und dreißiger Jahren in Nordböhmen produzierte Böhmerland-Motorrad, angeblich das längste Motorrad der Welt.

          Hingucker: Das „Böhmerland-Motorrad“ soll als angeblich längstes Motorrad der Welt auch Technikfans ins Sudetendeutsche Museum locken.
          Hingucker: Das „Böhmerland-Motorrad“ soll als angeblich längstes Motorrad der Welt auch Technikfans ins Sudetendeutsche Museum locken. : Bild: dpa

          Die Ausstellung verschweigt nicht, dass die immer stärker mit der NSDAP verbundene Sudetendeutsche Partei (SdP) 1938 bei den letzten freien Gemeindewahlen in der Tschechoslowakei neunzig Prozent der Stimmen in den Sudetengebieten erhielt. Über den Aufstieg der SdP und ihres Parteichefs Konrad Henlein hätte man gern mehr erfahren. Die Konzentrationslager im Reichsgau Sudetenland und im Protektorat Böhmen und Mähren werden hingegen äußerst materialreich an einer interaktiven Medienstation vorgestellt. Hier schlägt sich die Handschrift des Leiters der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg nieder, der dem wissenschaftlichen Beirat des Museums angehört.

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