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Neue Drohbotschaft : Die Sektenkeule

Werden Kirchen im Stadtbild bald ein Stein des Anstoßes sein? Bild: dpa

Droht die Kirche eine Sekte zu werden? Mit diesem Horrorszenario möchten Theologen den Reformdruck erhöhen. Aber auch wenn man noch so viel Anstößiges wegreformiert, bleibt das Christentum befremdlich.

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          Ist es eine gute Idee, Werbung für kirchliche Reformen mit der Drohbotschaft zu verbinden, anderenfalls, also unreformiert, werde die Kirche zur Sekte? Was nach landläufig alarmistischem Sektenverständnis bedeutet: zu einer obskuren, gefährlichen, die Pfade der Normalität verlassenden Einrichtung; Geld- und Gehirnwäsche nicht ausgeschlossen. „Wenn der Synodale Weg scheitert, geht die Kirche gesellschaftlich ins Ghetto, sie wird zur Sekte“, teilt der Theologe Stefan Jürgens mit, Autor des Buches „Ausgeheuchelt!“. Auch der Dogmatikprofessor Georg Essen sieht in den institutionellen Identitätsdebatten seiner Kirche eine „kognitive Sekten- und Ghettomentalität“ am Werk.

          Ihm schwebt vor, die Selbstverständigung der Kirche als säkulare Verfassungsdebatte zu führen. Aber hat nicht schon das Bundesverfassungsgericht festgestellt, es widerspreche dem Selbstbestimmungsrecht korporierter Religionsgemeinschaften, von ihnen „etwa eine demokratische Binnenstruktur zu verlangen“? Für eine kirchliche Verfassungsdebatte sind die säkularen Grenzen deshalb weiter gesteckt als man annehmen sollte. Hierarchische statt demokratische Entscheidungsverläufe sind per se noch kein Sektenmerkmal. Auch sakral-mystische, der aufgeklärten Vernunft spottende Gehalte sind von der Verfassung gedeckt und bieten als solche keinen Anlass, im Reformgespräch die Sektenkeule zu schwingen.

          Spielräume des Krassen

          Ist der Erzbischof von Berlin ein Sektierer, wenn er, wie in der vergangenen Woche in einem feierlichen Pontifikalamt geschehen, sein Bistum „den Heiligsten Herzen Jesu und Mariä“ weiht, „auf mehrfache Anregung aus den Reihen der Gläubigen und eine Tradition der ersten drei Berliner Bischöfe aufgreifend“? Birgit Aschmann findet das krass. Es stehe nicht gut um die Zukunftsfähigkeit der Kirche, so die Professorin für Europäische Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, wenn solche „Kultformen einer fremd gewordenen Vergangenheit“ reaktiviert würden. Die Spielräume des Krassen sind freilich in einem liberalen Gemeinwesen breit genug gesteckt, um auch die Herz-Jesu-Frömmigkeit darin unterzubringen.

          Genaugenommen strapazieren ja nicht erst Jesu- und Mariä-Herzen die säkulare Vernunft, sondern schon die Gottesthese als solche. Dass da ein Gott sei, ist doch „nicht mehr normal“, egal in welcher religiösen Ausprägung. Es bedarf also nicht erst der Jungfrauengeburt, der Auferstehung von den Toten oder verschiedener Ausdrucksformen sakramentaler Vollmacht, um das Christentum aus nichtgläubiger Perspektive als Hokuspokus anzusehen. Anders gesagt: Ein Gott allein genügt, um der Kirche ihren Ruf zu ruinieren. Bei allen Reformanstrengungen entkommt sie nicht ihrem Gründungscharisma: jener Sektenmentalität, mit der sie als befremdender Kult aus dem Judentum hervorging.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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