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Neue Berliner Sachlichkeit : Die Hofdamen vermissen die Königin

  • -Aktualisiert am

Merkel-Fanclub: Sabine Christiansen (r.) und andere im Bundestag Bild: dpa/dpaweb

Kein Besuch des Presseballs, eine Sperrzone ums Privatleben: Über Angela Merkels „neue Sachlichkeit“ rümpft die Berliner Gesellschaft die Nase und ersehnt, von der Herrscherin hofiert zu werden.

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          Der Terminplan von Angela Merkel sah für die Zeit, da die Damen der Stadt die wirklich teuren Friseursalons und Kosmetiker auslasteten, vor: Ansprache beim Zentralverband des Deutschen Handwerks in Düsseldorf. Für die knisternden Minuten vor dem Aufbruch, in denen Vorfreude und Garderobenkrisen kulminierten: Ansprache bei der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU in Hamburg.

          Der Bundespresseball, der in der vergangenen Nacht gefeiert wurde, stand bereit, aber die Kanzlerin wollte nicht. Über die „neue Sachlichkeit“ rümpft die Berliner Gesellschaft nun die Nase und ersehnt, von der Herrscherin hofiert zu werden. Neu ist an dieser Sachlichkeit nur der Kontrast zur angegilbten Show Gerhard Schröders. Der war auch nicht immer beim Presseball, aber zielstrebig, bis zur Anbiederung, immer dort, wo er, was sich die bessere Gesellschaft nennt, für seine Zwecke mobilisieren konnte, willig, sich im Kanzleramt mit Kulturinszenierung und Glamour zu schmücken, geschmeichelt vom Umgang mit Reichen.

          Keine Begegnung ist zufällig

          Die Kanzlerin bietet dieser Sphäre den Lotus-Effekt, der bei Autolacken auftritt, an denen alles abperlt. Freilich pflegt auch sie „Beziehungen“, jedoch in der professionellen Rubrik „gesellschaftlich-kulturelle Kontakte“ und nicht, um sich Glanz zu borgen. Etwas in der Art des bisherigen Bissinger-Grass-Immendorff-Rinke-Kanzlers läßt sich nicht ausmachen. Die Gesellschaft wird gerade in konzentrischen Kreisen um die Bundeskanzlerin aufgestellt, keine Begegnung ist mehr zufällig. Die Absenz der vergangenen Nacht könnte dabei stilbildend sein. Es liegt aus vielen Gründen, die von der Staatspolitik bis zum Stil reichen, nahe, daß die Kanzlerin tut, was auch ihre Herzensneigung ist.

          Diese Neigung kann nur von ihrem Mann, der ein elitäres Gegenuniversum zu Doris Schröder-Köpf bildet, noch übertroffen werden. Merkel bedient sich der Mechanismen der Macht, meidet aber am liebsten alles, wo diese in formal-gesellschaftlicher Form, gar vor Kameras, aufgeführt werden. Wie fremd ihr sogar die Welt anderer Frauen mit Ambitionen ist, ließ sich kurz vor der Bundestagswahl bei einem Auftritt im Hotel Maritim vor dreihundert jungen Damen besichtigen, als jeder Satz nach dem vierten Wort endete und ihre Zuflucht brutale Offenheit war: Sie habe Angst vor freiem Reden, Angst davor, der Sache nicht gewachsen zu sein. Und ist nun Kanzlerin.

          Sie wird sich heraushalten

          Die sogenannten besseren Kreise und Salons der Großstädte mögen bereit sein für sie, die Eventmanager auf engste Verbindungen ins Vorzimmer hoffen. Sofern Merkel aber nicht akut eine deformation professionelle durchläuft, wird sie sich nicht nur aus der Berliner, Münchner, Düsseldorfer, Hamburger „Society“ heraushalten, sondern auch auf staatskünstlerische Inszenierungen verzichten.

          Am sichtbarsten versucht der politiknahe Glamour, den Lotus-Effekt zu brechen. Sabine Christiansen ließ sich auf dem jüngsten CDU-Parteitag sehen und verfolgte die Kanzlerwahl von der Besuchertribüne des Bundestags aus. Zu was ihre Ranschmeißerei führt, ließ sich besichtigen: Christiansen verhielt sich im Plenarsal so unkontrolliert erfreut, daß die Saaldiener einschreiten mußten. Daß man auf den Rängen des Parlaments keine Zeitung liest, keine Kekse knabbert und nicht winkend herumfuchtelt, auch das darf die unpolitischste Politikjournalistin des Landes noch lernen. Es wäre logikfremd, dürfte Christiansen mehr tun, als Merkel Frisurtips zu geben: Auf ihr liegt das Diktum der britischen Wirtschaftspresse, die Abschaffung ihrer Show sei der Schlüssel zur Sanierung der deutschen Wirtschaft. Da geht es um die Kerndinge, an denen Merkel sich messen lassen will.

          Sperrzone ums Privatleben

          Vom Bild der Damen auf der Besuchertribüne muß im Licht der ersten, sachlich-konzentrierten Kanzlerinnentage also keine Beunruhigung ausgehen: Wenn die Kandidatin Merkel gelegentlich mit Christiansen verkehrte, mit einer Gräfin, die über Tausende langer Hostessenbeine gebietet, oder mit einer Syltkorrespondentin, dürfte das nur ein Preis dafür gewesen sein, mit seriösen Frauen zusammenzukommen. Eine Kanzlerin aber muß kein Eintrittsgeld bezahlen.

          Merkels Selbstabschirmung, die Sperrzone um ihr Privatleben und ihr weitgehender Verzicht auf eine politisch instrumentalisierte Kultur gehörten bisher zu ihren Stärken. Nachdem es der frühere Kanzler geschafft hat, im Rahmen seines Staatsschauspiels sogar eine Liebeserklärung an seine Frau im Fernsehen abzugeben, könnte eine Kanzlerin, die den Glamour Glamour sein läßt und ihrer Befremdung treu bleibt, die am intellektuellen Gespräch teilnimmt, aber das tiefere Kulturleben vor Politikannäherung verschont, eine erfrischende Souveränität verkörpern.

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