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Orthodoxie in der Ukraine : Neue alte Kirche

Prachtvoll: die goldenen Dächer der Uspenski-Kathedrale in einem der Lawra-Klöster Bild: Picture-Alliance

Nach der Gründung einer eigenständigen orthodoxen Kirche in der Ukraine lässt das Land die von der „Moskauer“ Kirche genutzten Lawra-Klöster inventarisieren. Russland spricht von „Christenverfolgung“.

          Am Wochenende ist in der größtenteils orthodoxen Ukraine eine neue Kirche gegründet worden. Mit der Wahl eines Kirchenoberhaupts in Kiew wurde der in diesem Jahr begonnene Prozess so gut wie abgeschlossen. In der prächtigen Sophienkathedrale wurde ein mit 39 Jahren recht junger Geistlicher zum „Metropoliten von Kiew und der ganzen Ukraine“ gewählt.

          Die Versammlung wurde hoffnungsvoll „Vereinigungskonzil“ genannt, weil sie die in drei Teilkirchen gespaltenen Orthodoxen des Landes zusammenführen sollte. Doch der bisher größte der Teile untersteht dem Moskauer Patriarchat – was im Zuge des notdürftig kaschierten russisch-ukrainischen Krieges zu Konflikten führen musste.

          Kirchengrenzen folgen früher oder später den Landesgrenzen. Diesem Grundsatz ist es wohl zu verdanken, dass der Patriarch von Konstantinopel (also Istanbul), das informelle Oberhaupt aller Orthodoxen, diese Neuordnung tatkräftig unterstützt hat. Zwar ist sein Reich nicht wirklich von dieser Welt, doch es dürfte sein gesunder irdischer Pragmatismus gewesen sein, der ihn dazu anhielt, den Rufen aus Kiew nachzugeben und die Ukraine nach gut 300 Jahren der Moskauer Kirchenhoheit zu entziehen.

          Ein Anlass für die deutschen Christen

          Als 1917 das Zarenreich unterging und aus seiner Erbmasse neue Länder hervorgingen – Polen, Finnland, Georgien, Estland –, haben die dort lebenden Orthodoxen über kurz oder lang eigene kirchliche Strukturen bekommen und sich von Moskau mehr oder weniger abgenabelt. Damals versuchten es auch die Ukrainer. In derselben Kathedrale versuchten sie eine eigenständige orthodoxe Kirche zu gründen, auf dem Sophienplatz davor wurde die Republik ausgerufen. Die Staatsbildung scheiterte und mit ihr die Kirchengründung. Doch jetzt ist die „verspätete Nation“ Ukraine wieder da.

          Nun stellt sich die Frage: Was wird aus den weiterhin moskautreuen Orthodoxen im Land? Seit Wochen klagen sie über Druck von Seiten des Staates. Das russische Staatsfernsehen verstieg sich zu der These, es gebe in der Ukraine jetzt eine Art „(Christen-)Verfolgung wie im alten Rom“. Kritiker verweisen zum Beispiel darauf, dass der Besitz der drei bedeutenden Lawra-Klöster in der Ukraine, die zwar dem Staat gehören, aber von der „Moskauer“ Kirche genutzt werden, jetzt von den Behörden inventarisiert werden soll. Wird da eine Übernahme vorbereitet? Und warum wird die moskautreue Kirche als „fünfte Kolonne“ Russlands dargestellt?

          Befürworter der Inventarisierung argumentieren, sie solle verhindern, dass Ikonen und andere Kultgegenstände nach Russland abtransportiert werden. Was die „fünfte Kolonne“ betrifft, so ist unbestritten, dass die Geheimdienste vom Typ KGB/Stasi Geistliche in ihren Ländern bis in die höchsten Ränge als Agenten angeworben haben; Methoden, die in Russland unter Putin mit großer Wahrscheinlichkeit eine Renaissance erlebt haben.

          Die deutschen Kirchen haben mit historischen Belastungen reiche Erfahrungen gesammelt. Die Wahl des Metropoliten Epifanij sollte für sie Anlass sein, für die EKD ebenso wie für Deutschlands Katholiken, der in schwerer Zeit gegründeten neuen Kirche in der Ukraine mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Das würde auch dem schleppenden Dialog mit der Weltorthodoxie neue Impulse geben.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

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