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Neubau von Oper und Theater : Das Schauspiel der Zahlen

Ein Blick in Frankfurts Theaterzukunft? Entwurf einer Interimsspielstätte des Workshops der Academy for Architectural Culture. Bild: Academy for Architectural Cultur

Frankfurter Theaterdilemma: Berechnen lässt sich vieles. Aber wie und wo das künstlerische Herz einer Stadt schlägt, entscheiden nicht Politik und Geld allein.

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          Das war’s. Jetzt geht es los. Jetzt wird es Zeit, die Fragen anders zu stellen. Und es wird Zeit, die Antworten nicht mehr nur in den Zahlen zu suchen. Investitionen in bestehende Kultureinrichtungen wie Museen, Schauspiel- und Opernhäusern sind Investitionen in eine gegebene Infrastruktur, die gepflegt, erhalten und gelegentlich auch ertüchtigt und modernisiert werden muss. Darüber hinaus wird mit jedem sanierten Opernhaus nicht anders als mit neuen Prunkbauten wie Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao oder Hamburgs Elbphilharmonie immer auch das symbolische Kapital aufgestockt, das eine Gesellschaft angesammelt hat. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sich alles kapitalisieren lässt, auf Heller und Pfennig. Wenn zum Beispiel Oxfam mitteilt, dass jedes Jahr unbezahlte weibliche Tätigkeiten in den Bereichen Haushalt, Familie und Pflege im Wert von elf Billionen Dollar verrichtet werden, wissen wir zwar nicht recht, wie man so etwas ausrechnet, haben aber doch eine vage Hoffnung, dass die Zahlen schon ungefähr stimmen werden.

          Aber welchen Gegenwert hat private Beschäftigung mit Kultur? Welchen Wert wollen wir der dafür vorgehaltenen Infrastruktur jenseits ihrer Verwertbarkeit auf dem Immobilien- oder Kunstmarkt beimessen? Wie viel Geld ist sinnvollerweise in ihren Erhalt zu investieren? Solche Fragen sind nicht so müßig, wie man meinen könnte. Zur Kultur gehört, dem Kapitalisieren von allem und jedem Grenzen zu setzen. Dass Kulturinstitutionen, die etwa zum Erhalt von Meinungsfreiheit und Rechtssicherheit in einer Gesellschaft beitragen, dabei durchaus auch einen ökonomischen Wert darstellen, dürfte in westlichen Gesellschaften weitgehend unumstritten sein.

          Die „vielleicht globalste Stadt Deutschlands“, wie Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig jetzt sagte, sollte sich endlich mit solchen Fragen beschäftigen. Denn Zahlenwerk und Gutachterwesen allein nehmen sie ihr nicht ab. Seit fast vier Jahren wissen nicht nur Theatergänger, dass die Frankfurter Doppelanlage für Schauspiel und Oper sanierungsbedürftig ist. Von dreihundert Millionen war damals zunächst die Rede. Ein Jahr später, im Juni 2017, hatte sich die Summe bereits verdreifacht. Für mehr als sechs Millionen Euro hatte die Stadt eine mit stolzgeschwellter Brust vorgestellte Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die zwei Sanierungsmodelle sowie einen Entwurf für einen Neubau am alten Standort durchspielte und Planungssicherheit garantieren sollte. Alle drei Varianten würden nach heutigem Stand mehr als eine Milliarde kosten.

          Drei ungeliebte Varianten

          Die Prüfung der naheliegenden Variante einer „Basis-Sanierung“ sowie eines Neubaus an anderem Ort gehörte nicht zum Auftrag, der an die Ingenieurbüros ergangen war. Rasch war klar, dass die Machbarkeitsstudie vor allem ein Ergebnis hatte: Sie stellte drei Varianten, die niemand wollte, zur Diskussion, die dementsprechend eher knapp ausfiel. Deshalb wurde 2018 eine im Kulturdezernat angesiedelte Stabsstelle ins Leben gerufen, die zwei weitere Sanierungsvarianten sowie zwei Neubauvarianten untersuchen und den Stadtverordneten eine Entscheidungsgrundlage bieten sollte. Doch die neuen Zahlen, die jetzt bekanntgegeben wurden, sind nicht viel niedriger als die alten. Zwischen 809 und 918 Millionen Euro wären nun zu veranschlagen, samt Risikozuschlag und voraussichtlichem Anstieg der Baupreise.

          Auch wenn hundert Millionen Euro nicht wenig sind, ist die Differenz der Kosten nicht so groß, dass sie allein schon den Ausschlag geben könnte. Aber wenn sich aus den Zahlen keine eindeutige Handlungsanleitung ableiten lässt, müssen andere Argumente gefunden werden. Eine inhaltliche Diskussion, horribile dictu, ist unter diesen Umständen unvermeidlich. Man darf gespannt sein, wie Frankfurts Kommunalpolitiker mit dieser Herausforderung umgehen werden.

          Frankfurts Kulturdezernentin, der in den letzten Jahren oft vorgeworfen wurde, dass sie zu zögerlich agiere und eine klare Position vermissen lasse, hat sich nun entschieden: gegen die Sanierung, aber für einen Verbleib am alten Standort. Die alte Doppelanlage, deren Erhalt sie zunächst – wie viele andere – gewünscht hatte, sei das „künstlerische Herz der Stadt. Das reißt man nicht einfach heraus“. Aber ein bisschen herumschnippeln am Herzen der Stadt, das kann man vielleicht schon.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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