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Netzkultur : Warum die Zukunft uns noch braucht

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Von der Striptease-Tänzerin zur gefeierten Drehbuchautorin: Diablo Cody verdankt ihre Erfolgsgeschichte dem Internet Bild: picture-alliance/ dpa

Seid endlich realistisch! Die Träume von der offenen Kultur im Internet sind geplatzt: Die weltweite Vernetzung von Intelligenz produziert nicht Über-Intelligenz, sondern Banalität, warnt Internet-Pionier Jaron Lanier.

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          „Informationen wollen frei sein“, heißt es. Stewart Brand, der Begründer des „Whole Earth Catalog“, eines legendären Verzeichnisses relevanter Publikationen der Gegenkultur, scheint es als Erster gesagt zu haben. Ich behaupte: Informationen verdienen es nicht, frei zu sein. Die Cyber-Totalitaristen tun gerne so, als wäre Information lebendig und hätte ihre eigenen Vorstellungen und Ziele. Was aber, wenn Informationen unbelebt sind? Was, wenn sie noch weniger als unbelebt, nämlich bloß Artefakte des menschlichen Denkens sind? Was, wenn nur Menschen wirklich sind, Informationen hingegen nicht?

          Natürlich existiert ein technischer Gebrauch des Ausdrucks „Information“, mit dem man sich auf etwas höchst Reales bezieht. Dabei handelt es sich um die Art von Information, über die man in Begriffen der Entropie oder Informationsdichte sprechen kann. Aber diese grundlegende Art von Information, die unabhängig von der Kultur eines Beobachters existiert, ist nicht dieselbe wie die, die wir in Computer einfüttern können und die angeblich frei sein will.

          Information ist entfremdete Erfahrung. Man kann sich kulturell dekodierbare Information als eine potentielle Form von Erfahrung vorstellen, ganz ähnlich, wie man sich einen Ziegel auf einem Fenstersims als einen potentiellen Energiespeicher vorstellen kann. Bringt man den Ziegel zum Fallen, wird die Energie freigesetzt. Das ist aber nur möglich, weil er irgendwann erst einmal dort oben hinbefördert wurde. Auf die gleiche Weise kann Information der Auslöser dafür sein, dass Erfahrung freigesetzt wird, wenn sie auf die richtige Weise dazu gebracht wird. Eine Datei auf einer Festplatte enthält in der Tat Informationen von der Sorte, die objektiv existiert. Der Umstand, dass die Bits nicht zu einem einzigen Brei verrührt, sondern unterscheidbar sind, ist es, der sie zu Bits macht.

          „Der mit der optimistischen Einstellung, das bin ich”: Jaron Lanier
          „Der mit der optimistischen Einstellung, das bin ich”: Jaron Lanier : Bild: vanz

          Wenn die Bits aber potentiell für jemanden etwas bedeuten können, dann nur, wenn sie erfahren werden. Geschieht dies, dann vollzieht sich eine kulturelle Gemeinsamkeit zwischen demjenigen, der die Information gespeichert hat, und demjenigen, der sie abruft. Erfahrung ist der einzige Prozess, der Informationen „ent-entfremden“ kann. Information von der Sorte, die angeblich frei sein will, ist nichts als ein Schatten unserer eigenen Geistestätigkeit und will von sich aus gar nichts. Sie leidet nicht, wenn sie nicht bekommt, was sie will.

          Wenn Sie aber von der alten Religion, in der man darauf hofft, dass Gott einem ein Leben nach dem Tod beschert, zu der neuen Religion, in der man darauf hofft, unsterblich zu werden, indem man in einen Computer hochgeladen wird, konvertieren wollen, dann müssen Sie daran glauben, dass Information etwas Reales und Lebendiges ist. Es wird dann wichtig für Sie, menschliche Einrichtungen wie Kunst, Wirtschaft und Recht so umzugestalten, dass sie die Auffassung, Information sei lebendig, stützen. Sie verlangen dabei, dass der Rest von uns gemäß Ihrer neu konzipierten Staatsreligion lebt. Sie werden dann darauf angewiesen sein, dass wir die Information vergöttern, um Ihren Glauben zu stärken.

          Die Anbetung der Bit-Illusionen

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