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Debatte in Berlin : Was Netanjahu gegen das Jüdische Museum hat

Das Jüdische Museum in Berlin wird nicht von Israel finanziert, sondern durch Deutschland und ein weitgespanntes Netz von Förderern. Bild: dpa

Die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin zeichnet den komplexen Ist-Zustand einer umkämpften Stadt. Dem israelischen Premierminister passt das nicht.

          Was sehen die Besucher der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ im Jüdischen Museum Berlin (JMB)? Ziemlich genau das, was das schriftliche Grußwort des Direktors Peter Schäfer sagt: dass Jerusalem ein „Wunsch- und Sehnsuchtsort für Juden, Christen und Muslime“ ist. Dass an diesem heiligen Ort „die drei großen monotheistischen Religionen tief verwurzelt sind“, dass sich hier aber religiöses Empfinden und politisches Handeln auf eine Weise verquickt haben, „die bisher jeden Lösungs- oder gar Annäherungsversuch scheitern ließ“. Mit anderen Worten, die Ausstellung zeichnet den komplexen Ist-Zustand einer umkämpften Stadt, und sie tut das mit Kunstwerken, Objekten, Modellen, Fotos, Dokumenten und Filmen. Besonders der Einsatz großer Videobildschirme, vor denen sich die Besucher auf subjektive Standpunkte aus unterschiedlichen Teilen der Jerusalemer Gesellschaft einlassen können, zeugt von einer Museumspädagogik, der jede ideologische Bevormundung fern liegt. Allein das ist in einer Zeit, in der jüdische Themen fast immer mit „Konflikt“ assoziiert sind, ein Zeichen von Souveränität.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dass dem israelischen Premierminister Netanjahu so viel Verständnis für die arabische Seite missfällt, ist also nicht weiter verwunderlich. Doch der Versuch, die Bundesregierung zur Kürzung der Fördermittel für das Jüdische Museum und andere nicht genehme Einrichtungen zu drängen, ist ein Übergriff. Das Jüdische Museum wird nicht von Israel finanziert, sondern durch Deutschland und ein weitgespanntes Netz von Förderern. Diesen ist der Direktor Peter Schäfer rechenschaftspflichtig. Und der enorme Publikumszuspruch bestätigt sein Konzept, viele Arten der Reflexion über jüdisches Leben ins Haus zu holen – einschließlich einer „offenen und gleichberechtigten Debatte“, wie Schäfer es gegenüber dieser Zeitung drei Tage nach Netanjahus harscher Kritik formuliert: „Diese Offenheit war und ist gelebte Wirklichkeit des Jüdischen Museums Berlin, und die werde ich mit allen Mitteln verteidigen.“

          Wichtiger sind ihm strategische Partnerschaften

          Natürlich ist Netanjahus Vorgehen nicht inhaltlich, sondern strategisch bestimmt. In Budapest protestieren jüdische Bürger seit Jahren gegen ein staatliches Mahnmal, das die ungarische Beteiligung am europäischen Judenmord durch die Nationalsozialisten kleinredet. Dennoch sucht der israelische Premier – trotz antisemitischer Tendenzen in der ungarischen Rechten und einer oft gespenstischen Nähe der Regierungspartei Fidesz zur rechtsradikalen Jobbik-Partei – die Nähe von Viktor Orbán. Dasselbe Bild in Polen, wo der Gängelungsversuch durch das sogenannte „Holocaust-Gesetz“ bei Antisemitismus-Forschern in aller Welt Empörung ausgelöst hat. Dass Polen die geschichtliche Untersuchung polnischer Mitverantwortung am Judenmord unter Strafe stellt, scheint Netanjahu indes nicht zu beunruhigen. Wichtiger als die geschichtliche Überlieferung, so könnte man folgern, sind ihm strategische Partnerschaften.

          Die Kritik des israelischen Premierministers dürfte ohnehin auf den Einwänden anderer beruhen, denn er selbst hat die Ausstellung nicht gesehen. Was also sagen die Vorwürfe in der Substanz? Zum Beispiel, dass die Stadt Jerusalem auf „Politik“ reduziert werde. Oder muslimische Monumente größer dargestellt seien als jüdische – was aber auch daran liegen könnte, dass das Areal des Haram asch-Scharif, des heiligen Bezirks des islamischen Jerusalem, den die Schau in einem wertvollen historischen Modell von Conrad Schick aus dem Jahr 1879 zeigt, in der Tat größer ist als die Grabeskirche oder andere Sakralbauten.

          Auch die Tatsache, dass biographische Informationstafeln zu Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus, und PLO-Chef Yassir Arafat auf derselben Höhe hängen, hat bei manchen Protest hervorgerufen. Oder dass zur Information von Israels Sieg im Sechstagekrieg die falsche Musik erklingt. Und dass bei den Presseausschnitten zu Jerusalems Gegenwart vor allem „linke“ Zeitungen zu Wort kommen wie „Ha’aretz“, der „Guardian“ und die „New York Times“. Anders gesagt: Kritiker der israelischen Siedlungspolitik.

          „Eine völlige Parität der Standpunkte kann und wird es nicht geben“, sagt Peter Schäfer zu diesen Vorwürfen. Auseinandersetzung müsse nun einmal sein. Doch es komme darauf an, „nach bestem Wissen und Gewissen alle beteiligten Stimmen zu Gehör zu bringen“ und den Besuchern zu ermöglichen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Dass Kritik in so massiven Druck von außen umschlägt, ist für den Mann, der das JMB seit 2014 leitet, „eine neuere Entwicklung“. Was würde der Direktor dem israelischen Premierminister denn entgegnen, wenn er könnte? Die Antwort fällt Schäfer nicht schwer. „Ich würde Herrn Netanjahu gern einmal durch die Ausstellung führen.“

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