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Nawalnyj im Hungerstreik : Todesspiel als Live-Spektakel

  • -Aktualisiert am

Nawalnyj als „Sitzender Dämon“ nach Michail Wrubel: Moskauer Graffiti-Hommage an den inhaftierten Oppositionellen Bild: AFP

Toxischer Volksfeind: Nur wenige Russen wagen, sich für den kranken Häftling Nawalnyj einzusetzen. Schriftsteller appellieren an christliche Milde. Stattdessen lebt der Moralkodex der Stalinzeit wieder auf.

          3 Min.

          Der Kampf des inhaftierten und von zwei Bandscheibenvorfällen geplagten russischen Oppositionellen Alexej Nawalnyj, der durch Hungerstreik gegen seine medizinische Nichtbehandlung protestiert, lässt sich derzeit im Netz, auf Instagram und Twitter als Live-Spektakel verfolgen. Die Öffentlichkeit befinde sich gleichsam in einem Zuschauersaal, vor der sich ein historisches Drama abspiele, sagt die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja, die gemeinsam mit acht Intellektuellen und Persönlichkeiten des Kulturlebens auf dem Nachrichtenportal „Meduza“ in Kurzvideos dazu aufruft, Nawalnyj zu retten. Das Sujet dieses Stückes sei biblisch, so Ulizkaja, die Nawalnyjs Kampf gegen die Ungerechtigkeit – so wie er sie verstehe – mit dem des Erzengels Michael gegen den Drachen des Bösen vergleicht. Die Autorin glaubt, dass dieser Drache, also die staatliche Repressionsmaschine, Nawalnyj verschlingen will, doch in diesem Fall stünde es finster um Russlands Zukunft.

          Nawalnyj, der über starke Schmerzen im Rücken und im rechten Bein klagt, verliert zudem das Gefühl in den vorderen Extremitäten, berichtet seine Anwältin. Doch der Gefängnisfeldscher verschreibt ihm nur Diclofenac und Nikotinsäure, was ein Neurologe seines Vertrauens für kontraproduktiv hält. Qualifizierte Ärzte werden weiterhin nicht vorgelassen, was die Aufseher ganz offen damit erklärten, dass sie sich von „Moskauer Professoren“ keine Vorschriften machen lassen wollten, berichtet Nawalnyj über Twitter.

          Dem Hungernden werden Süßigkeiten untergeschoben

          Stattdessen bemüht sich die Anstaltsleitung, Nawalnyj von seinem Hungerstreik abzubringen, der ihn pro Tag ein Kilo Gewicht verlieren lässt, wie ein anderer Anwalt mitteilt. Auf Instagram erzählt er, ihm würden Süßigkeiten in die Taschen gelegt, außerdem habe die Kolonie eine Kochplatte und Hähnchen gekauft, die im Gefängnis eigentlich verboten sind, aber jetzt gebraten werden, damit der Duft dem Hungernden in die Nase steigt. Dieses Mittel werde oft gegen Hungerstreikende eingesetzt, erklärte der Anwalt. Nawalnyj findet, dass es vor allem die Machthaber charakterisiere, die glaubten, mit Essen, Geld, Autos und Palästen könne man jeden kaufen. Diese Diebesbande und ihre Knechte könnten sich nicht vorstellen, dass jemand, vor die Wahl zwischen Brathuhn und einer Idee gestellt, sich für Letztere entscheiden würde. Doch der Gedanke an die vielen Menschen im Gefängnis und draußen, denen das System medizinische Versorgung vorenthalte, beschere, so Nawalnyj, seinem Geist im epischen Kampf gegen den Gefängnisbroiler den sofortigen Sieg.

          Aber im Land selbst, wo ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung Nawalnyjs Video über Putins Palast kennt und wo noch im Winter Hunderttausende gegen seine Verhaftung auf die Straße gingen, regt sich jetzt kaum Protest. Die Verfolgung von Menschenrechtlern, Bürgerinitiativen für Frauenrechte und gegen häusliche Gewalt, die mit dem Stigma „Ausländischer Agent“ belegt wurden, hat die russische Zivilgesellschaft weitgehend zerstört. Die Protestierenden handelten sich Haft- und Geldstrafen ein, etliche verloren die Arbeit oder den Studienplatz. Und da auch die dokumentierte Willkür und Brutalität der Ordnungshüter stets straffrei bleibt, ist die Angst – und auch die Angst, sich mit zu viel Wissen zu belasten – weit verbreitet.

          Präsident Putin betonte unlängst wieder, die Russen hätten ihren besonderen kulturell-ethischen Kode. Damit ist freilich nicht der Kode christlicher Mildherzigkeit gemeint, den jetzt der Regisseur Wladimir Mirsojew einklagte, indem er anmahnte, die von Putin am Kreml aufgestellte Statue des heiligen Fürsten Wladimir symbolisiere mit der Christianisierung auch, dass Folter nicht sein dürfe. Im Umgang mit Nawalnyj, der von den Staatsmedien, aber auch in den sozialen Netzwerken als Simulant und Querulant verhöhnt und als „Volksfeind“ Nummer eins kenntlich gemacht wird, zeigt sich vielmehr das sowjetische Ethos der Stalinzeit, das darin besteht, sich von dem toxischen Opfer staatlicher Repressalien demonstrativ zu distanzieren.

          Erst kürzlich sagte die Moskauer Buchmesse Nonfiction in einem Akt der Selbstzensur die Präsentation eines Buches von Nawalnyjs Pressesprecherin Kira Jarmysch ab, und der Regisseur Andrej Kontschalowskij zog seinen Film von dem Wettbewerb „Weißer Elefant“ zurück, weil dessen Jury Nawalnyjs Filmdokus als innovativ gelobt hatte. Nawalnyj muntert unterdessen seine Unterstützer auf, darunter die Journalistin Jewgenija Albaz, die jetzt einen Brief von ihm veröffentlichte, den er ihr schon aus der Untersuchungshaft schrieb. Alles werde gut, heißt es darin. Und wenn nicht, so würden sie beide sich damit trösten, ehrliche Menschen gewesen zu sein.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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