https://www.faz.net/-gqz-9cqv8

Naturkundemuseum in Tel Aviv : Darwin? Nie gehört

  • -Aktualisiert am

Das neue Naturkundemuseum in Tel Aviv klammert die Evolution aus, zum Ärger der Säkularen. Und Palästinenser sind empört über die Einverleibung einer Sammlung, die ein deutscher Pater einst mit ihrer Hilfe aufbaute.

          5 Min.

          Seit Anfang Juli ist das neue Naturkundemuseum auf dem Gelände der Universität Tel Aviv, das sich hauptsächlich der Fauna und Flora des Landes widmet, für Besucher geöffnet. Es ist benannt nach dem amerikanisch-jüdischen Hedgefondsmanager Michael Steinhardt, der etwa ein Drittel der Kosten in Höhe von insgesamt 140 Millionen Schekel (33 Millionen Euro) übernahm und bei der Einweihung im Sommer vergangenen Jahres Ehrengast war. Seitdem wurde in Israel die zunächst verschobene Eröffnung für das Publikum mit Spannung erwartet.

          Denn bei dem Steinhardt-Museum für Naturgeschichte handelt es sich nicht nur um einen fünfstöckigen, architektonisch ungewöhnlichen Bau, aus dessen durchfensterter Vorder- und linker Seitenfassade in den Hauptgeschossen eine holzähnliche Ummantelung in Form eines Schiffskiels ragt, die auf die Arche Noah anspielt. Auch die Sammlung, die das neue Naturkundemuseum beherbergt, von der nur ein Bruchteil auf der 1700 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche gezeigt werden kann, ist die bei weitem größte der Region und umfasst insgesamt 5,5 Millionen Objekte.

          Londoner Darwin-Zentrum als Vorbild

          Die Museumsleitung, der die Zoologin und Gründerin Tamar Dayan vorsteht, betonte bei der Eröffnung, dass es sich erst einmal nur um einen „Probelauf“ handele. Die Universität Tel Aviv, deren diverse naturkundliche Sammlungen das neue Museum nun erstmals unter einem Dach vereint, hatte in ihrer Werbekampagne das Projekt als „nationalen Schatz“ gepriesen und auch als „Arche“ bezeichnet. Mit Letzterer soll wohl suggeriert werden, dass die Schau nicht nur die regionale Artenvielfalt veranschaulichen will, sondern auch den Anspruch erhebt, globale Zusammenhänge des Verhältnisses von Mensch und Natur aufzuzeigen. Mit dieser Intention korrespondiert auch die Aufteilung des Hauses in einen musealen und einen wissenschaftlichen Sektor, wo in mehreren Instituten und einem Dutzend Labors Forschung betrieben wird – angelehnt an das ähnlich kombinierte Modell des Darwin-Zentrums im Londoner Naturhistorischen Museum.

          „Gott hat eine besondere Vorliebe für Käfer“: Präparierte Insekten im neuen Naturkundemuseum in Tel Aviv.

          Der signalisierten Weltoffenheit stand schon bei der Einweihung 2017 entgegen, dass die beiden anwesenden nationalreligiösen israelischen Minister Zeev Elkin und Uri Ariel, deren Ressorts sich an der Finanzierung beteiligen, in ihren Ansprachen einen deutlich nationalistischen Ton anschlugen. Elkin, Likud-Minister für Umweltschutz und zuständig für Jerusalem wie für das nationale Erbe, reihte das Museumsprojekt in eine aus seiner Sicht genuin jüdische Tradition des Naturschutzes ein. Landwirtschaftsminister Ariel erhob in gewohnter konservativ-zionistischer Manier das Museum zur Pflichtstation für alle israelischen Kinder, die dort mit der Fauna des Landes, dessen „Pfade“ sie „durchwandern“ sollten, vertraut gemacht würden.

          Bei Israels Säkularen weckte der Hinweis im Vorfeld auf das Londoner Darwin-Zentrum als Vorbild besonders hohe Erwartungen. Doch gerade im Hinblick auf die Vermittlung der Darwinschen Lehre wurden sie hier bitter enttäuscht. Denn in der neun Ausstellungsbereiche umfassenden Schau, so monierte in der linksliberalen Zeitung „Haaretz“ der Reisejournalist Moshe Gilad, fehle jeglicher Hinweis auf Darwins Evolutionstheorie; im Übrigen störte er sich an den vielen freistehenden Tierpräparaten, die den Betrachter allenthalben aus ihren Glasaugen anstarren und manches Kind erschrecken würden.

          Weitere Themen

          Das Tor zum Frieden wird verriegelt

          Jordanien und Israel : Das Tor zum Frieden wird verriegelt

          Vor 25 Jahren verpachtete Jordanien zwei Flächen an Israel, um den Friedensvertrag zu ermöglichen – doch die Pacht wird nicht verlängert. Die Beziehung beider Staaten hatte sich im Herbst weiter verschlechtert.

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.